Andrea Fürstenberg

 

1970 in Köln geboren und dort aufgewachsen. Seit 2004 ansässig im Westerwald.  Durfte bereits ein paar Sachen in Anthologien veröffentlichen und arbeitet gern zeitgleich an mehreren großen und kleinen Projekten.

Näheres unter www.andrea-fürstenberg.de




      

Die Mutprobe

 

„Wie heißt du?“

„Fabian. Und du?“

„Lina.“

Fabian blickte in zwei strahlende Augen. 

„Wenn du in meiner Bande mitmachen willst, musst du aber zuerst eine Mutprobe bestehen.“ Lina hielt Fabian eine kleine Dose hin. Ihre Finger waren schmutzig, ihre Fingernägel schwarz, wie dunkle Halbmonde sahen sie an der Spitze aus. 

Das Mädchen war gerade erst in die Siedlung gezogen, er hatte sie noch nie hier gesehen. Er mochte ihre dunklen Haare, die gebräunte Haut und das bunte Kleid, obwohl es unten ganz ausgefranst war. Ihre Füße waren nackt und schmutzig, die Fußnägel leuchteten rot. Eigentlich war er mit seinem Freund verabredet gewesen, Kevin. Der wohnte im Haus gegenüber, musste aber noch Hausaufgaben machen. Fabian hatte am Spielplatz auf ihn gewartet. Dann war sie erschienen. Sie hatten zuerst eine Weile einträchtig geschaukelt und kurze Blicke ausgetauscht. Fabian war erst neun, doch er wusste, dass er mit diesem Mädchen spielen wollte.

Das hatte seinen Preis. 

Ihre Stimme sank zu einem Flüstern: „Du musst einen Käfer essen.“

Fabian bekam eine Gänsehaut. Trotzdem nahm er ihr das Behältnis aus der Hand. Er würde alles tun, um ihr Freund zu werden. Sie hatte sich hingehockt, der Saum des Rockes lag im Staub. Fabian setzte sich auf einen der Holzstämme, auf denen man balancieren konnte.

„Oder traust du dich nicht?“

„Doch, natürlich traue ich mich!“ Sie sollte doch nicht glauben, dass er ängstlich war. Das flaue Gefühl im Magen ignorierte er. Die Dose war aus Metall und bunt bemalt. Hinten war ein Scharnier.

„Na los, mach schon.“ Lina sah ihn erwartungsvoll an, das Gesicht ganz ernst. 

„Ich hab Angst, dass er rausspringt, wenn ich die Dose aufmache“, wandte Fabian ein.

„Ach, du bist ein Angsthase.“ Lina sprang auf, griff nach der Blechdose und ließ sie in einer der vielen Taschen ihres Kleides verschwinden. Es klapperte leise.

„Nein! Komm, ich esse den Käfer.“ 

„Weißt du was?“ Lina lächelte. „Ich stecke ihn dir in den Mund. Aber du musst auch kauen!“

Fabian nickte heftig. Er schloss die Augen. Lina kicherte leise. Flüchtig dachte Fabian daran, dass seine Mutter mit ihm schimpfen würde, wenn sie davon wüsste. Er durfte ja noch nicht einmal einen Keks essen, wenn der auf den Boden gefallen war. 

„Mund auf!“

Es kitzelte an seinen Lippen, wo sie ihn mit den Fingern behrürte. Kurz darauf spürte er, wie ihm etwas auf die Zunge gelegt wurde. Schnell klappte er den Mund zu.

„Kauen!“, befahl Lina.

Fabian kam der Aufforderung sofort nach. Der Käfer rutschte zwischen die Backenzähne und wurde dort zermahlen. Fabians Magen rebellierte und schickte Säure nach oben, während sich auf seiner Zunge der Geschmack von Lakritz ausbreitete. Erstaunt riss er die Augen auf. Lina grinste nun über das ganze Gesicht, brach dann in lautes Gelächter aus. 

Erleichterung.

Als Lina wieder sprechen konnte, hob sie, immer noch kichernd, die Dose, öffnete sie und hielt sie Fabian hin. 

„Noch einen?“

In dem Behältnis lagen jede Menge Lakritzkäfer wild durcheinander. Fabian steckte sich einen weiteren Käfer in den Mund. Auch Lina griff zu, sie kaute und ihre Zähne wurden für einen Moment schwärzlich.

„Jetzt gehörst du zu meiner Bande“, sagte sie mit funkelnden Augen. Fabian biss glücklich auf der Lakritze herum.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie Kevin auf sie zukam. Der Junge wurde immer langsamer. 

„Das ist mein Freund. Darf der auch in unserer Bande mitmachen?“, fragte Fabian.

Lina drehte sich um und musterte Kevin, der sie inzwischen erreicht hatte. Er wirkte fasziniert, konnte seine Augen nicht von dem wilden Mädchen lassen.

„Von mir aus“, sagte Lina und zuckte mit den Schultern.

„Moment. So einfach ist das nicht.“ Fabian grinste. „Zuerst muss er eine Mutprobe bestehen.“ 

 

© Andrea Fürstenberg

 

 

 

 

 

 

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