Andrea Fürstenberg

 

1970 in Köln geboren und dort aufgewachsen. Seit 2004 ansässig im Westerwald.  Durfte bereits ein paar Sachen in Anthologien veröffentlichen und arbeitet gern zeitgleich an mehreren großen und kleinen Projekten.

Näheres unter www.andrea-fürstenberg.de




     

In höchster Seenot

 

Oliver versuchte, den Motor zu starten.

"Ich krieg ihn nicht an!", schrie er verzweifelt und warf Moritz einen wilden Blick zu. Die Wellen schlugen klatschend gegen das Boot. Der Himmel grollte und grummelte und sandte die ersten Tropfen aus. Moritz sprang von der Takelage auf den Schiffsboden.

"Lass mich mal versuchen!", rief er. "Weißt du denn, wo die nächste Insel ist?" Er griff nach dem Schlüssel, aber der Motor machte keinen Mucks. Riesige Wellen klatschten auf den Holzboden und krochen auf die beiden zu.

"Keine Ahnung! Was für ein Sauwetter!", rief Oliver. Feuchte Strähnen fielen ihm in die Stirn.

"Ich setz mal einen Notruf ab." Moritz suchte nach dem Funkgerät.

"Das hilft jetzt auch nichts mehr. Bei dem Wetter kommt die Küstenwache nicht raus." Oliver überlegte fieberhaft, wie sie sich retten konnten, als ein Blitz über den Himmel zuckte, begleitet von einem lauten Krachen. Den Jungen dröhnten die Ohren. Plötzlich zeigte Moritz aufgeregt nach vorn.

"Was ist das da?", schrie er, seine Stimme klang schrill und ängstlich. Oliver versuchte, durch den immer dichter werdenden Regenvorhang etwas zu erkennen. Dann wurde er blass. "Oh mein Gott!", murmelte er. Moritz schrie wieder. "Was ist das, zur Hölle?" Oliver packte ihn am Arm.

„Es sieht aus wie ein Geisterschiff!“ Das riesige Schiff türmte sich vor ihnen auf wie ein Hochhaus, das sich in die Wellen legte. Die Segel flatterten im Sturm, sie waren völlig zerfetzt. Auf diesem Schiff gab es sicherlich schon lange keinen Kapitän mehr, wenn man das Skelett nicht mitzählte, das an den Mast angebunden war. Moritz kam das eigene Segelboot so klein vor, als ob sie in einer kleinen Nussschale saßen.

„Ist das ein Geist?“ Es musste ein Geist sein, niemand konnte lange auf diesem Schiff überleben. Moritz’ Stimme hatte sich vor Aufregung nach oben geschraubt. Er war kurz davor, in Panik auszubrechen. Oliver schrie auf, es ging Moritz durch Mark und Bein.

"Es sieht eher aus wie ein pelziges Ungeheuer!" Oliver konnte es selbst kaum glauben. Jetzt waren sie dran. Da fiel ihm das Schwert ein, welches er auf dem Deck liegengelassen hatte. So schnell würde er nicht aufgeben.

"Hol das Schwert!", schrie er, um den Sturm zu übertönen. So etwas hatte er sein ganzes Leben noch nicht gesehen. Er konnte kaum seine Augen abwenden vor Entsetzen.

"Geht nicht!", schrie Moritz. "Dann schickt mich eine Welle über die Reling direkt in die reißenden Fluten! Und ich kann doch nicht schwimmen!" Moritz schien ehrlich Angst zu haben.

"Ich halte dich!", rief Oliver. "Dann kannst du dich hinunter beugen. Das Schwert ist unsere einzige Hoffnung!"

Moritz nickte tapfer. Sie warteten die nächste große Welle ab. Dann hielt Oliver sich mit einer Hand am Ruder fest, mit der anderen Hand sicherte er seinen Freund, der sich zum Schwert hinüberstreckte.

"Ich hab's!", rief er triumphierend und Oliver lächelte. Nun hatten sie eine Chance, lebend aus dieser Sache heraus zu kommen. Er zog ihn wieder hoch. Gemeinsam würden sie - 



 

"Eeeessen! Oooooliver, Moooooritz!", ertönte es vom Haus, der lang gezogene Ruf klang quer durch den großen Garten. Oliver ließ Moritz los und sah ihn bedauernd an.

"Wir können ja nach dem Essen weiterspielen!", schlug er vor und sprang dann vom Holzboot in den Sand. Sofort kam Mecki, eben noch ein Ungeheuer, angeflitzt und schlich ihm um die Beine. "Miauuuu!", machte er und sah zu ihm hoch. Oliver bückte sich und kraulte dem Kater den Kopf. Moritz rutschte vom Boot herunter und klopfte sich die Hose ab.

"Gerne!", sagte er und lächelte. Anerkennend zeigte er auf das Holzschiff.

"Das Teil ist ja echt klasse!", sagte er.

Oliver nickte ganz stolz. "Hat mein Papa mit mir gebaut."

"Kann ich nachher mal der Kapitän sein?", fragte Moritz und sein Freund nickte.

"Klar!"

Gemeinsam machten sie sich unter strahlend blauem Himmel auf den Weg zum Haus. 

 

© Andrea Fürstenberg

 

 

 

 

 

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