Andrea Fürstenberg

 

1970 in Köln geboren und dort aufgewachsen. Seit 2004 ansässig im Westerwald.  Durfte bereits ein paar Sachen in Anthologien veröffentlichen und arbeitet gern zeitgleich an mehreren großen und kleinen Projekten.

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Interview mit Rot

 

A = Interviewpartner

R = Rot

 

A: Liebes Rot, ich freue mich, dass Sie heute Zeit für mich gefunden haben. Ich will direkt mit der ersten Frage ins Haus fallen: Wie ist es, rot zu sein?

 

R: Es ist ein schönes Gefühl, denn ich bin eine schöne Farbe. Manchmal kräftig, manchmal blass. Die Farbe des Lebens, Blut. Warm, pulsierend. Es gibt mich in vielen Farbtönen: Von Schwarz-Rot über violett bis hin zu einer Mischung mit meinem Freund Gelb.

 

A: Ah, wie schön, Gelb ist also ihr Freund.

 

R: Schon, aber wir bewegen uns auf unterschiedlichen Ebenen (lacht), denn Gelb steht weit unter mir. Ich habe dem Gelb ja doch einiges voraus. Rot ist die Farbe der Liebe. Herzen sind rot, Rosen ebenfalls. Die schönen Dinge des Lebens. Gelb ist der Urin und gelb ist ein Gesicht, dessen Träger sich unwohl fühlt.

 

A: Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber Rot ist nicht nur die Farbe der Liebe und schöner Dinge. Ein Mensch wird rot, wenn er sich schämt, er blutet, wenn er erstochen wird. Außerdem ist Rot die Farbe der Wut.

 

R: (runzelt die Stirn) Hat Grün Sie geschickt? Grün hat mir schon immer meinen Erfolg geneidet.

 

A: Aber nein. Ich kenne Grün gar nicht.

 

R: (mißtrauisch) Na, das wäre aber typisch für Grün, wenn er mir so einen windigen Reporter wie Sie auf den Hals hetzt.

 

A: (räuspert sich) Sie vertragen sich wohl nicht gut mit Grün.

 

R: Sie sind aber ein Schnellmerker (lacht). Grün ist nur eine Mischung und nicht echt. Grün steht für Übelkeit, Gift und Eiter.

 

A: ... und für Gras, Frühling und Frische.

 

R: Ich sag ja, Sie sind voreingenommen.

 

A: Bin ich nicht! Ganz sicher nicht! Gut, dann reden wir doch mal über Blau. Blau wie der Himmel, blau wie das Meer ...

 

R: ... blau wie ein gequetschter Finger, blau wie eine Strandhaubitze.

 

A: Liebes Rot, ich habe ein wenig den Eindruck, Sie lassen kein gutes Haar an den anderen Farben.

 

R: Stimmt doch gar nicht.

 

A: Doch! Sie äußern sich ausschließlich negativ über Ihre Kollegen.

 

R: Schwarz! Ich mag Schwarz. Als Abendkleid funktioniere ich hervorragend in Kombination mit Schwarz.

 

A: Streng genommen ist Schwarz doch gar keine Farbe.

 

R: Was???

 

A: In der Physik wird Schwarz als Abwesenheit von sichtbarem Licht jeglicher Wellenlänge erklärt.

 

R: (empört) Ach ja? Soll das heißen, ich verbinde mich mit Abwesenheit? Sind Sie Klugscheißer oder Reporter?

 

A: Entschuldigen Sie bitte, liebes Rot. Gut, dann reden wir doch mal über Braun.

 

R: Also, wenn es sich um ein warmes Rotbraun handelt, bin ich dabei.

 

A: (rollt mit den Augen) Gut, dann also ein warmes Rotbraun. Mögen Sie es?

 

R: Oh ja, sehr! Vor allem, wenn Rot überwiegt.

 

A: Ihnen ist doch klar, dass Rotbraun nur zustande kommt, wenn alle Farben mitarbeiten? Das sind Ihre ganzen Kollegen, die Sie eben schlecht gemacht haben.

 

R: Das gibt es doch nicht: Ich bin bereit, mit Ihnen über eine andere Farbe zu sprechen und Sie werden zickig! Das ist unprofessionell!

 

A: Wissen Sie, wofür Rot noch steht? Für den Teufel. Der Teufel wird immer rot dargestellt.

 

R: Das ist ja auch kein Wunder. Stellen Sie sich mal einen gelben Teufel vor oder einen grünen. Da können Sie mal sehen, wie wichtig meine Farbe ist. Die mächtigste von allen! Ihrer Gesichtsfarbe nach zu urteilen ist Rot auch Ihre Lieblingsfarbe.

 

                                                                 

A: (pustet genervt Luft aus) Danke, Rot, für dieses interessante Gespräch. 

 

© Andrea Fürstenberg

 

 

 

 

 

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