Herwig Haupt

geb. 1938 in der Nähe von Breslau,

nach Lebensabschnitten in Niederbayern, Düsseldorf, München, Unterfranken und Hannover schließlich seit 1977 am Mittelrhein Heimatgefühl entwickelt

Lehrer, Psychologe, Ruhestand

Veröffentlichung von Lyrik und Kurzprosa in verschiedenen Literaturzeitschriften

Mitautor der Brückenschreiber-Anthologie „Füttere mich“ (2009)


Verfasser von „Wieder Lust auf ein Bier“ (2011)

Kurzgeschichtensammlung, Pop-Verlag 2011

Eine Rezension auf keinverlag.de können Sie hier lesen.


Der Schnuller

 

Während das Heulen der Sturzkampfbomber in den Luftschutzkeller drang, vermisste er seine Mut­ter noch gar nicht. Einmal zitterte der Boden und er sah im Kerzenlicht erschrockene Gesichter. Sonst waren die Geräusche fern wie immer, Abfeuern der Geschütze, detonierende Bomben, irgend­wo, weitab.

Die Kleine schrie. Helga, seine große Schwester, blickte ihn finster an. Harald fühlte sich schuldig. „Nimm du den Schnuller mit!“, hatte Mutter gesagt. In der Hand hatte er ihn wohl gehalten. Dann sollte er noch eine Decke mitnehmen. In die hatte Helga nun das Baby gewickelt. Aber vor der Ei-sentür am Ende des Häuserblocks hatte Mutter ihn nach dem Schnuller gefragt. Er hatte in die linke Hosentasche gegriffen, wo er alles hinsteckte, was gerade mitzunehmen war. Kein Schnuller.

„Ich muss nochmal zurück“, hatte Mutter gesagt, „geht schon mal runter.“

Er wusste, dass die Tür während der Bombenangriffe verriegelt wurde. Mutter war jetzt wohl in ei­nem der anderen Kellerräume.

Endlich verstummten die unheimlichen Geräusche. Wie immer erklang bald darauf der Sirenenton, diesmal nicht das drohende Geheul, das er mit der Stimme einer zornigen alten Frau verband, son­dern das erlösende „Huu-uh“, ein einmaliges Aufsteigen von tiefster bis höchster Frequenz und dort oben ausharrend: Entwarnung.

Er trottete zwischen den vielen Menschen hinter Helga die steile Treppe hinauf. Sie trug das Baby. Er wurde ab­gedrängt, stieß mit der Nase ans Treppengeländer, holte seine Schwester wieder ein. Als er mit der rechten Hand sein Ta­schentuch herausangelte, hatte er plötzlich den Schnuller in der Hand. Also war ihm Unrecht ge­schehen, dachte er mit Genugtuung.

Dann standen sie auf halbem Heimweg neben einem brennenden Wohnblock. Feuerwehrleute und Soldaten versuchten zu löschen. Sanitäter und Zivilisten bemühten sich um Verletzte. Am Straßen­rand lag etwas,  halb von einer groben Plane bedeckt. Helga schrie auf.   

Sie hatte Mutters Schuhe erkannt.

Vater blieb im Osten vermisst. Harald wuchs bei Verwandten auf. Nie hatte ihm jemand einen Vor­wurf gemacht. Doch es verging kein Tag, an dem er nicht in Gedanken seine Hosentaschen durch­wühlte. Im Schlaf schien er manchmal nach einem Schnuller zu schreien und wurde damit geneckt. Es war ihm un­möglich, darüber zu sprechen, dass er seine Mutter auf dem Gewissen habe. So schleppte er seine Schuld mit sich herum wie einen Rucksack, menschenscheu, oft belächelt, übellaunig und gemie­den.

Als Helga ihren sechzigsten Geburtstag feierte, lud sie alle Freunde und Verwandten ein. Auch ihren  etwas schrulligen Bruder Harald. Er konnte sich nicht entziehen.

Mit Sekt wurde angestoßen. Ein paar fröhliche Reden geschwungen. Rückblicke auf die verflosse­nen Jahre in gut gemeinte Verse gegossen. Schließlich ergriff Helgas junge Freundin, die mit ihrem Mann aus Tel Aviv angereist war, das Wort.

„Tragisch ist, dass ihr so früh eure Mutter verloren habt. Sie starb, weil sie ein gutes Herz hatte.

 Meine Mutter, ihre ehemalige Klassenkameradin, lebte ganz zurückgezogen im Dachstübchen ei­nes Mietshauses in eurer Nähe. Sie war sehr krank und wurde heim­lich von einigen Frauen, haupt­sächlich eurer Mutter, versorgt, so gut es ging. Bei Fliegeralarm brauchte sie Hilfe, um wenigstens in den Keller des Hauses zu gelangen.  Luftschutzkeller waren Juden verboten. Eure Mutter war un­terwegs zu ihr, als die Bom­ben zu früh fielen. Dieses Haus wurde übrigens nie getroffen. Und des­halb gibt es mich.“

Harald hatte, während sie sprach, mühsam versucht nicht zu weinen. Nun brach er in ein Gelächter aus, das alle befremdete.

„Ich dachte immer, das war ganz anders“, versuchte er sich zu entschuldigen, „Heidis Schnuller ...“

„Erinnern kannst du dich sicher nicht, du warst ja noch keine fünf Jahre alt“, fiel ihm Helga ins Wort.

„Hast recht“, antwortete er, „Erinnerungen an so was sind nicht gut.“

                   Er soll in fortgeschrittenem Alter noch erstaunlich locker geworden sein, manchmal sogar richtig fröhlich.

© Herwig Haupt, 2017

 

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