Herwig Haupt

geb. 1938 in der Nähe von Breslau,

nach Lebensabschnitten in Niederbayern, Düsseldorf, München, Unterfranken und Hannover schließlich seit 1977 am Mittelrhein Heimatgefühl entwickelt

Lehrer, Psychologe, Ruhestand

Veröffentlichung von Lyrik und Kurzprosa in verschiedenen Literaturzeitschriften

Mitautor der Brückenschreiber-Anthologie „Füttere mich“ (2009)


Verfasser von „Wieder Lust auf ein Bier“ (2011)

Kurzgeschichtensammlung, Pop-Verlag 2011

Eine Rezension auf keinverlag.de können Sie hier lesen.


Folgen eines Alptraums

 

Ich erwache zitternd. Vor Angst? Nein, vor Wut! Was war das eben für ein Traum? Schlangen ringelten sich um meine Füße. Kamen die Beine hoch bis zu den Knien. Starrten mich mit aufgerissenen Mäulern an. Vernichtende Blicke, voller Verachtung. „Schäm dich!“, sagten diese Augen, die ich irgendwoher kenne.

Um meine Schuhe ging es. Zu Beginn des Traumes hingen da Schnürsenkel herum, ehe sie zu Schlangen wurden.

Ich trage nur Slippers.

Immer hatte ich ein schlechtes Gefühl, wenn ich als Schüler meine Turnschuhe band. Klettverschlüsse gab es damals noch nicht. Bei den Soldaten konnte es mir die beste Laune rauben, wenn es hieß: Kampfstiefel aus, Schnürschuhe an! Neulich fragte Margit, warum ich so grimmig schaute, bloß weil sie mich gebeten hatte, ihr hinten eine Schleife zu binden.

Ich kann Schleifen binden! Jawohl, ich kann das!

Da ist wieder dieser Schlangenblick, der mich eben im Traum so sehr aufregte. Urplötzlich fällt mir  diese „Tante“ ein. Gibt’s die denn noch?

Ich war sechs Jahre alt und konnte noch keine Schleife binden. Musste meinen großen Bruder bit-ten, mir beim Schuheanziehen zu helfen.

„Das können meine Kleinen im Kindergarten schon!“, dröhnt es wieder in meinen Ohren. Sie war das, was man früher als „Kindergartentante“ bezeichnete, diese widerliche Person. Ein Tag unter ihrer Fuchtel, als Mutter sie als Babysitterin brauchte, hat mich zum Schleifenhasser gemacht.

Tante Hanni – so mussten wir sie ansprechen – wie hieß sie weiter? Hat sie mir nicht vor unendlich vielen Jahren mal geschrieben, dass sie oft an mich denkt und mich gerne wiedersehen möchte? Ich hab mich hingesetzt und mühsam viele nette Worte formuliert, meine Ausbildung erlaube mir gegenwärtig nicht … gerne später …

Sie soll in die Großstadt gezogen sein, verwitwet, kinderlos, keine Verwandten. Nach längeren Nachforschungen erfahre ich, sie sei in einem Pflegeheim verstorben. Dort teilt man mir aber mit, dass ich gesucht werde. Ein Rechtsanwalt wolle mich sprechen.

Tante Hanni sei Opfer eines Erbschleichers geworden. Ein Pfleger diktierte ihr, als ihre Demenz bereits erkennbar war, ein Testament, das ihm ihr Vermögen verschaffen sollte, und datierte es zurück.  Man habe ihn aber entlarvt.

Nun sitze ich einigen Herren in grauen Anzügen gegenüber. Alle haben blanke schwarze Halbschuhe an, mit Schnürsenkeln, zu wohlgestalteten Schleifen gebunden.

Ich weise mich als Maximilian Hofstätter aus. „Wie wurden Sie von der Verstorbenen genannt?“, fragt der Bedrohlichste streng. „Maxi“, antworte ich verschüchtert.

„Wo wohnten Sie am 24. August 1988?“, wird das Verhör fortgesetzt. Nach längerem Nachdenken fällt mir Würzburg ein.

„Warum melden Sie sich erst jetzt?“, lautet die dritte vernichtende Frage. „Übermorgen wäre die Frist abgelaufen.“ Was für eine Frist? Was hab ich verbrochen?

„In einem Notizbuch der Johanna Wagner findet sich ein Eintrag, der juristisch als Willenserklärung zu werten ist. Sie bringt ihre Freude zum Ausdruck, dass ein Maxi aus Würzburg voll Liebe an sie denkt, und erklärt, er solle nach ihrem Tod ihren – damals noch geringen – Besitz erben. Sehen Sie, hier. Auch eine Unterschrift hat sie quer darüber angefertigt. Somit handelt es sich um ein gültiges Testament.“

Wie mein Vater, kommt mir in den Sinn, der übte auch seine Unterschrift erst auf dem nächstbesten Fetzen Papier, ehe er seinen Friedrich Wilhelm irgendwo drunter setzte. Hatte die Alte wohl gerade ihr Notizbuch aufgeschlagen vor sich liegen, als eine Einschreibsendung kam.

Frau Johanna, teilt man mir mit, beerbte ihren Mann und wurde dadurch Besitzerin einiger Grundstücke, die jetzt einem Gewerbegebiet zugeschlagen werden sollen. Ich möge mich unverzüglich mit den Planern zu einem Millionengeschäft zusammensetzen.

Kann man solche Verhandlungen in Slippers führen? 

© Herwig Haupt, 2017

 

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