Herwig Haupt

geb. 1938 in der Nähe von Breslau,

nach Lebensabschnitten in Niederbayern, Düsseldorf, München, Unterfranken und Hannover schließlich seit 1977 am Mittelrhein Heimatgefühl entwickelt

Lehrer, Psychologe, Ruhestand

Veröffentlichung von Lyrik und Kurzprosa in verschiedenen Literaturzeitschriften

Mitautor der Brückenschreiber-Anthologie „Füttere mich“ (2009)


Verfasser von „Wieder Lust auf ein Bier“ (2011)

Kurzgeschichtensammlung, Pop-Verlag 2011

Eine Rezension auf keinverlag.de können Sie hier lesen.

 

Zeitgespräche

 

An das ständige Rauschen hatte er sich gewöhnt. Seine Ohren hatten eben das Interesse an Umwelt und Mitmenschen verloren und gingen eigene Wege. Hörgeräte knackten und pfiffen nur. Also suchte auch er seinen eigenen Weg. Abseits.

Bis zur ersten Bank schaffte er es immer noch. Dann gab er sich ganz dem Rauschen hin. Manchmal fielen ihm dabei die Augen zu.

Er spürte etwas wie einen mächtigen Strom vorüberziehen. Unendlich lang. Grau, dunkel – jedoch unregelmäßig gemustert. Hellere Flecken hier und da, sogar Farben, anfangs gedeckt, bald auch aufleuchtend. Blitze dazwischen. Schließlich Augen. Auf ihn gerichtet.

„Bist du eine Riesenschlange?“, fragte er.

„Nicht ganz“, antwortete die Zeit, „aber dein Kompliment gefällt mir. Andere nennen mich nur Bewegungsablauf oder behaupten, es gäbe mich gar nicht. Idioten halten mich gar für die vierte Dimension. So was Bescheuertes!“

„Aha, die Zeit!" Dachte ich mir schon, nickte der Gehörlose. „Wie lang bist du denn? Ich seh gar keinen Anfang und kein Ende von dir.“

„Erst 14 Milliarden, sagen Leute, die nach Erdjahren rechnen. Ich bin noch schrecklich kurz, wachse aber ständig und bin neugierig auf ...“

Er erwachte und humpelte zurück in die Seniorenresidenz.

Einige Tage später ließ er sich wieder auf seiner Parkbank nieder. Etwas wie ein junger Distelfink schwirrte in sein Dösen hinein.

„Da bist du ja wieder!“, rief ihm die Zeit zu. „Wir kennen uns doch!“

„Äh, hm“, grummelte er, „du hörst dich genau so an … Aber die Zeit war doch so riesig, und du …“

„Ich kann auch sehr kurz sein.“

„Naja, wenn ich so an mein Leben denke, an die schönen Augenblicke ...“

„Das waren Geschenke von mir“, lachte die Zeit. „Man kann mich nutzen, vertrödeln, verschenken, stehlen … Mir vertrauen – das erfreut mich am meisten. Schau, meine bunten Federn!“

Er öffnete die Augen und fragte sich, was er denn noch zu hoffen habe. Besuch? Nachlassen der Schmerzen? Eine bessere Brille, um wieder lesen zu können?

Letzte Woche wackelte er noch einmal bis zu seiner Bank. Da rauschte es wieder. Aber nicht an ihm vorbei.

Es nahm ihn mit.

© Herwig Haupt

 

 

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