Herwig Haupt

geb. 1938 in der Nähe von Breslau,

nach Lebensabschnitten in Niederbayern, Düsseldorf, München, Unterfranken und Hannover schließlich seit 1977 am Mittelrhein Heimatgefühl entwickelt

Lehrer, Psychologe, Ruhestand

Veröffentlichung von Lyrik und Kurzprosa in verschiedenen Literaturzeitschriften

Mitautor der Brückenschreiber-Anthologie „Füttere mich“ (2009)


Verfasser von „Wieder Lust auf ein Bier“ (2011)

Kurzgeschichtensammlung, Pop-Verlag 2011

Eine Rezension auf keinverlag.de können Sie hier lesen.

 

Der Heimkehrer                                                                                                                                                                                     

Asche mit noch etwas Glut darin. Er konnte nicht wissen, dass Johannestag war. Vor drei Stunden hätte er noch die Dorfkinder, darunter seine beiden kleinen Söhne, hier antreffen können, wie sie über das Sonnwendfeuer sprangen. Juchzend, auf bayerische Art. Ein Bauernknecht am Feuer, der ab und zu mit der Mistgabel die Glut hochschleuderte, dass Funken stoben. Holperiges Getanze zu den Klängen einer verstimmten Ziehharmonika.

Nein, nur noch ein Glimmen, etwas rauchige Luft und Asche, viel Asche.

Er hätte gerne gewusst, wie spät es war. Die Taschenuhr war aber in der einen Holzkiste. Zusammen mit dem Fotoapparat. Beide trotz Gefangenschaft behalten, gerettet. Beim Filzen durch die Amis in zwei Handtücher eingeknotet, denn Wäsche nahmen sie nicht. Der Sergeant hatte mit dem Stöckchen den ganzen Berg Wäsche durch die Baracke fliegen lassen. Uhr und Fotoapparat hatten den Flug unentdeckt überstanden.

Seine beiden selbstgezimmerten Holzkoffer hatte Reiner am Bahnhof in die Gepäckaufbewahrung gegeben. Bloß gut, denn der Weg, den man ihm als sehr kurz beschrieben hatte, war doch zehn Kilometer lang geworden. „Nur über die Donau und dann den Berg hoch“, hatte es geheißen. Na, vielen Dank! Bis zur Donaubrücke hatte er schon fast eine halbe Stunde gebraucht, dann gab es noch einen zweiten Fluss zu überqueren, der in die Donau mündete, und schließlich war er an die zwei Stunden die Donau abwärts gewandert, bis ihn endlich der Wegweiser zur Bergtour einlud.

Jetzt lag das Dorf vor ihm. Stockdunkel. Er klopfte an die Tür des ersten Bauernhauses am Ortseingang.   

Gebell, Gepolter, eine Greisenstimme: „Franzl, bist es du?“ Dann Licht im Flur. „Mutter“, sagte eine Frau leise, aber bestimmt, „lass mich zur Tür.“ 

„Entschuldigen Sie“, begann er unsicher. Diese Worte hatten lange in seinem Repertoire gefehlt. „Ich komm aus der Gefangenschaft heim und möchte zu meiner Familie. Wo wohnt ...“

„Hast mein'n Franzl net g'sehn?“, mischte sich die Alte ein, die er vorher schon gehört hatte. „Er war in Russland, Priluki, seit 44 vermisst.“

„Der kommt auch noch heim“, beschwichtigte die junge Frau, „geh wieder schlafen, Mutter.“

„Ich hab in Italien gekämpft.“ Es kam ihm vor, als entschuldigte er sich. 

„Kommen'S mit!“, bot die Bäuerin an. „Sonst müssen'S noch mehr Leut' aufwecken.“

Die Dorfstraße war teilweise mit Kies bestreut. Tiefe Furchen hatten die Ackerwagen hineingegraben. Als er stolperte, griff die Frau nach seiner Hand.

„Mein Bruder ist bei der SS gewesen. Die lassen die Russen nimmer aus. Aber die Mutter wartet halt immer noch.“ Er stotterte etwas wie „ja“ und hatte seine Gedanken ganz woanders.

„Da wird sich aber jetzt eine freuen.“ 

Endlich. Eine weiße Wand. Über dem Stall eines Gehöfts ein kleines Fenster im ersten Stock. Die Frau warf ein Steinchen gegen die Scheibe und rief: “Anneliese!“ hinauf.

Oben erschien ein Kopf. „Wer ist da?“

„Na, wer wird schon da sein?“, platzte er heraus.

„Reiner, du?“, kam es ungläubig von oben.

Erst gestern – oder vorgestern? - hatten sie ihn plötzlich aus dem Gefangenenlager in Kärnten entlassen und auf den Heimweg geschickt. In die Heimat kam er nun nicht gerade, sondern in das niederbayerische Dorf, wohin es Anneliese mit Roland und Uwe verschlagen hatte. Zuversicht hatte sich in den zwei Jahren Lagerleben mühsam bei ihm angesammelt, Freude auf einen ganz neuen Lebensabschnitt. Wieder in einer Wohnung hausen, Familie haben, Arbeit finden …

Während sie ihm unten an der Seitentür neben dem Hoftor um den Hals fiel, kroch irgend etwas an ihm hoch, das er gar nicht brauchen konnte. Sie war ihm auf einmal viel fremder als all die Jahre der Trennung hindurch. War ihre Freude, ihn wieder zu sehen, überhaupt echt? Und seine Freude?

Sie stieg vor ihm eine steile Treppe hinauf. Sie mussten durch die Küche einer anderen Flüchtlingsfamilie schleichen, wo eines der fremden Kinder auf einem Feldbett mit Strohsack schlief.

Dann standen sie in der „Arbeitswohnschlafzimmerküche“, die das Wohnungsamt den dreien zugewiesen hatte, ohne den Hauswirt zu fragen. Zehn Mark Miete bekam der immerhin. Die Milch holten die Kinder abends beim Melken im Kuhstall ab, nach Zuteilung stand ihnen kein ganzer Liter zu, aber sie erhielten mehr. Für kleine Hilfeleistungen auf dem Hof fielen immer einmal ein paar Eier ab, eine dicke Scheibe selbstgebackenes Bauernbrot oder ein Korb Äpfel. Man war hier in der amerikanischen Zone. Da waren die Vorschriften mit dem Abliefern nicht so streng wie im übrigen Deutschland. Aus der Stadt kamen die „Hamsterer“ mit dicken Rucksäcken und tauschten rare Artikel wie Glühbirnen oder Tabak gegen Butter und Speck ein. Reiner hätte Anneliese gerne ausführlich umarmt und geküsst, aber die Kinder …

Sie schliefen fest. Roland ließ sich aufwecken und jubelte los, war außer sich, seinen Papa wiederzusehen.

Uwe schlief so fest, dass man beschloss, ihn in Ruhe zu lassen.

Reiner war hungrig. Anneliese konnte ihm einen halben Wassereimer voll Blaubeeren anbieten, die sie gepflückt hatten, um sie zu verkaufen, für 20 Pfennig das Pfund, was aber jetzt wohl nicht mehr nötig war, weil er 425 Mark Entlassungsgeld – bunte Scheine der Alliiertenwährung – mitgebracht hatte. 

Eigentlich war er doch eher müde als hungrig. Sie wies ihm ihre Schlafstätte, den Strohsack an der Fensterwand, zu und legte sich zu den Kindern auf die breite Bettstelle hinter dem Kamin.

Traurig und einsamer als je zuvor, wie ihm schien, schlief er ein.

Am Morgen stand der kleine magere Uwe ratlos vor dem Fremden. Anneliese zog ihn auf: „Das ist ein entlassener Kriegsgefangener, der hat gefragt, ob er hier schlafen kann.“

Uwe roch den Braten und zog unwillig die Schultern hoch. Unsicher und verkrampft stand der Kerl  in seinem zu kurzen Nachthemd vor ihm. Und stotterte auch noch. „Sind sie nicht – äh – du – Papa?“

„Ja!“, lachte er, lauter und fröhlicher, als ihm zumute war, um das elende Häufchen Kind mit den vorstehenden Zähnen, den vielen Sommersprossen im Gesicht und den viel zu weißen und schrecklich wirr herumhängenden Haaren von seinen Zweifeln zu erlösen.

Zum Frühstück gab es von Anneliese ganz genau gerecht geteilte Portionen trockenes Brot, eine  halbe Tasse Milch für jeden und Blaubeeren, soviel jeder essen wollte.

Die Kinder hatten Sommerferien. Roland wollte ihn zum Bus im Nachbarort begleiten, um aus der Stadt die Koffer abzuholen. Darin waren Reiners Keksrationen, die er in den letzten Wochen für den Tag seiner Entlassung aufgespart hatte. „Kinder, jetzt könnt ihr Kekse essen, soviel ihr wollt.“ Gab seine Ankunft nicht doch Anlass zur Freude in seiner Familie?

Noch etwas musste erledigt werden, außer Anmeldung bei der Gemeindeverwaltung und Arbeitsuche: Der Schnurrbart. Er hatte ihn sich wachsen lassen mit dem Gedanken, er komme erst weg, wenn der Krieg aus und er wieder zu Hause wäre. Manchmal hatte er auch damit geliebäugelt, ihn zu behalten. Sah er damit nicht ganz respektabel aus? Vielleicht fände Anneliese …

„Mach doch endlich das scheußliche Ding ab!“ - jaja, mach ich schon – war wohl nichts.

Uwe war bockig und wollte auch mit zum Bus. Auf der Straße konnte er plötzlich nicht mehr verstehen, was seine Söhne zu den Dorfkindern sagten. Bayerisch. Mit rollendem R. Mein Gott, wo bin ich hingeraten?

Uwe lief so krumm. „Halt dich gerade!“ Er wurde noch krummer und schmollte. Wieder nichts. Nur noch Schweigen. Roland durfte mitfahren. Uwe blieb heulend zurück, als der Bus abfuhr.

Die Koffer waren schwer. Den einen schleppte Roland ab und zu ein Stück, keuchte und gab auf.

Reiner war geschafft, als sie abends zurück kamen. Jetzt ein bisschen Wärme, vielleicht gar Zärtlichkeit. Ein freundliches Lächeln zur Begrüßung …

Er sah Anneliese nur von hinten. 

„Kannst du mir mal helfen, den Herd in Ordnung zu bringen? Da ist alles verstopft.“

Ein neuer Herd musste unbedingt her. Das hatte er gleich gesehen. Es gab einen Schmied im Dorf,  Flüchtling aus dem Sudetenland, der fertigte kleine, praktische Koch- und Heizöfen an, wenn er  Blech bekam. Alte Tonnen konnte man im Wald auf Schrottplätzen finden. Manchmal ließ sich auch ein stehengebliebenes Militärauto ausschlachten. Metall war kostbar.

Anneliese hatte begonnen, mit einem Gänseflügel Ruß herauszukratzen. Er zog den Kasten unter der Feuerstelle hervor. Er starrte hinein.

Asche. Kein Glimmen mehr. Nur noch kalte, tote Asche.


Berch

Morgens war er auf einmal da. Lag im Bett, hatte einen Schnurrbart und hieß Papa. Bisher kannte Uwe nur ein paar Fotografien von ihm. Ohne Bart. 

Er war Soldat, seit Uwe denken konnte. Später in Gefangenschaft. Es sollte schön werden, wenn er käme, wurde gesagt. Allerdings hatte Mutter auch manchmal gedroht: Warte nur, wenn der Papa … Uwe war nie frech zu ihr, aber mit dem Wort Papa verbanden sich doch zwei Vorstellungen, die nicht zusammenpassen wollten.

Jetzt wälzte dieser Papa sich im einzigen Bett des Zimmers herum und schlug die Augen auf. Lächelte schnurrbärtlich und breitete die Arme aus. „Bist du groß geworden, Kleiner!“ Uwe fühlte kräftige Arme, die ihn zum Gesicht des  fremden Mannes hinzogen. Es kitzelte. Es war zum Glück schnell vorbei. Uwe trat einen Schritt zurück. Die Dielenbretter der amtlich als Flüchtlingsunterkunft zugewiesenen Stube knarrten.

„Erkennst du ihn denn gar nicht mehr?“ Roland, sein älterer Bruder, stand neben ihm. Wie er im Nachthemd. Aus den Decken auf Stroh neben dem Bauernschrank herausgewickelt. Roland strahlte. Uwe fühlte sich nackt und wie vom Lehrer an die Tafel gerufen.

Die Mutter kam herein mit einem Arm voll Brennholz. „Guten Morgen. Ausgeschlafen?“

Papa brummelte eine Frage. Wo er sich waschen könne. Es gab nur den Wassereimer in der Ecke mit einer verbeulten Waschschüssel darauf. Die musste auf einen der beiden Stühle gestellt werden. Roland hatte sie schon in der Hand. Uwe wollte sich auch nützlich machen und suchte nach der Seife.

„Na, hast du den Papa auch schon begrüßt?“, fragte Mutter. „Du hast so fest geschlafen. Wir haben dich nicht wach gekriegt.“

Uwe nickte betreten. Er hatte von Flucht vor feindlichen Soldaten geträumt.

Immerhin gab es zum Frühstück neben der üblichen halben Tasse Milch und den beiden trockenen Brotscheiben noch Heidelbeeren. Im Wald gepflückt, eigentlich zum Abliefern für etwas Geld bestimmt. Aber Papa hatte ja 425 Mark im Portmonee, Entlassungsgeld, weil er als Gefangener freiwillig beim Barackenbau für die Tommys mitgearbeitet hatte. Sie waren also reich – durch einen reichen Papa!

Er erzählte, er sei kurz vor Mitternacht in der Stadt an der Donau aus dem Zug gestiegen, habe seine beiden Koffer dort gelassen und sei im Glauben, es nicht mehr weit zu haben, zu Fuß aufgebrochen.

„Und dann wurde der Weg immer steiler“, beklagte er sich, “ich wusste gar nicht, dass ihr auf einem Berch wohnt.“

Berch – das sagten hier weder die Einheimischen noch die Flüchtlinge, die aus Schlesien oder aus dem Sudetenland kamen. Berch – das hatte er nur von „Evakuierten“ aus dem Rheinland gehört, die  längst wieder in ihrer Heimat waren.

Eine seltsame Sprache hatte dieser Papa. Auch der Tonfall, in dem er sprach, kam Uwe sonderbar vor.

„Du berlinerst ja immer noch ganz schön“, bemerkte Mutter. Roland nickte begeistert. Uwe zog die Schultern hoch und blickte verschämt abwärts. 

„Du verschüttest deine Milch!“, rief Mutter. Ihm wurde die Tasse aus der Hand gerissen und wuchtig auf den Tisch geknallt. Das war Papa.

Der Bart musste weg. Den hatte er sich stehen lassen, sagte er, um ihn erst abzurasieren, wenn er wieder bei seiner Familie wäre. Uwe sah gebannt zu, wie Papa mit dem Rasierpinsel in einer Blechbüchse etwas anrührte, bis es schäumte. Eine fremde, beängstigende Tätigkeit. Dann das Weiße in seinem Gesicht, das mit so einem Abkratzer allmählich verschwand.

Als der Schnurrbart verschwunden war, sah Papa etwas „normaler“ oder menschlicher aus, mehr so wie auf den Bildern. Doch die Vorstellung, ihn als zur Familie gehörig einordnen zu können, wurde erneut belastet, als Uwe mit Ihm und Roland auf der Dorfstraße einem alten Bauern begegneten.

„Grüß Gott“, sagten die beiden Jungen manierlich, wie man das in Bayern eben tat und tun sollte. Papa aber grüßte mit einem kräftigen „Tach!“, was den Einheimischen sichtlich verunsicherte. Selbst der eher papavertraute Roland zog hörbar die Luft ein.

War diese neue Mann im Dorf, dieser Papa vorzeigbar? Konnte man sich den anderen Buben gegenüber zu ihm bekennen?

Uwe spürte, dass schlechte Zeiten auf ihn zu kamen. 

© Herwig Haupt

 

 

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