Jürgen Gebhardt               

Im Mai 1957 in Koblenz geboren, seit der Jahrtausendwende im unteren Westerwald lebend. Schreibt Kurzgeschichten seit 2005. Themen sind die Skurillitäten des Alltags, die Natur, die Heimat und die Menschen. Das Leben an sich in all seinen Facetten. Erfüllte und unerfüllte Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Die Vergänglichkeit und der Tod. Wird auch zukünftig mit Lust und Frust an kürzerer und längerer Prosa mit dem Ziel arbeiten, diese in Anthologien und Literaturzeitschriten zu veröffentlichen und bei Lesungen vorzutragen.

     

Paradies in Gefahr

 

"Verdammt, schon wieder ein Stein."

Paul richtete sich mühsam auf, sein Rücken schmerzte. Wie fast an jedem Tag seit vielen Monaten. Über vierzig Jahre Berufstätigkeit als Schmied, das hatte seine Spuren hinterlassen.

 

Erneut trieb er den  Spaten mit einem wuchtigen Tritt in die Westerwälder Erde. Wieder das gleiche Ergebnis: Erde spritzte, Metall klirrte. Er leckte den salzigen Schweiß von seinen Lippen. Die hochstehende Sonne brannte ihre Strahlen unbarmherzig auf seine Glatze. Vielleicht sollte er eine Pause einlegen. Den Kopf in den Wasserbottich tauchen. Eine Kappe aufsetzen. Oder - vielleicht die beste Möglichkeit -, sich ein kühles Bier gönnen. Unbeweglich stand er da, aufgestützt auf den Spaten, den er vorher an einer anderen Stelle in den Boden gerammt hatte. Sein Bizeps zitterte. Ganz so, als hätte er einen ganzen Tag am Amboss gearbeitet, so wie früher. Etwas mehr als zwanzig Quadratmeter des Kartoffelbeetes hatte er bereits umgegraben. Je näher er der Stelle kam, an der sich die felsigen Seitenwände des engen Tales steil erhoben und die Fruchtbarkeit der Fläche einem kargen Bewuchs an den Felswänden wich, desto steiniger wurde der Boden und desto mehr wurde die Tätigkeit zur Qual.

Paul fischte die Bierflasche aus dem schmalen Bächlein, das sich am Rande des Grundstücks talwärts schlängelte und ihm als Naturkühlschrank diente. Es machte plopp, als er den Bügelverschluss mit beiden Händen nach hinten drückte. Hauchzarter Nebel stieg aus der Flasche. Er setzte an und nahm einen tiefen Schluck. Das Bier hatte die richtige Temperatur, tat das gut!

Es war das erste Jahr nach seinem Ruhestand. Paul genoss die freie Zeiteinteilung, die aber genau dem Schema folgte, das er seit Jahrzehnten gewohnt war. Früh aufstehen, ein karges Frühstück, meist zwei Scheiben Brote mit Marmelade oder Salami, einen dünnen Kaffee, den er an kalten Tagen auf dem Kohleofen aufbrühte. Dann fuhr er mit dem Fahrrad in den Garten und arbeitete Stunde um Stunde, nur unterbrochen von einer längeren Mittagspause. Ein ausgiebiges Mittagsschläfchen, das war das einzige, das er sich im Gegensatz zu früher nun gönnte.

 

Immer wieder, heute machte es keine Ausnahme, musste er an seine Arbeit denken. Was hatte er nicht alles angefertigt in seiner Schmiede: Eisenzäune und Tore mit Ornamenten, Handläufe und Treppengeländer. In den dunklen Jahren  Grabkreuze in allen Ausführungen und Größen, mehr, als ihm lieb gewesen waren.

Trotz aller Härte, er hatte seine Arbeit immer geliebt. Konnte damit seine Familie ernähren, Anna, seine Kinder Ralf und Beate und sich selbst. Aber bei aller Liebe zur Arbeit, nun war er froh, dass er nicht mehr arbeiten musste. Die harte Arbeit, die harten Kriegsjahre, nun war er froh, dass das alles vorbei war. Glücklich war er auch darüber, dass es im Westerwald langsam wieder aufwärts ging. Man darbte nicht mehr wie in den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren. 

Hier in diesem ruhigen, abgelegenen Tal hatte er sich sein ganz persönliches Paradies geschaffen, an dem er mit ganzem Herzen hing. Er baute Gemüse an, widmete sich seinen Apfelbäumen und seinem Renekloden- und Quittenbaum. Zog Gemüsesorten, die dem rauen Westerwälder Klima trotzten.

 

Er schüttete die letzten Tropfen Bier aus der Flasche, stellte sie an den Rand der Bank, rückte nach dem Aufstehen seine Latzhose zurecht und schlurfte bedächtigen Schrittes auf den Spaten zu, der immer noch in der Erde steckte. Behutsam schaufelte er eine Fläche von einem halben Quadratmeter frei. Irgendetwas war da in der Erde, das er nicht erkennen konnte! Ächzend ließ er sich auf die Knie nieder. Seine Gelenke knackten. Er schaufelte einige Erdbrocken mit der Hand aus dem rechteckigen Loch, die er seitlich neben sich lagerte. Vor sich erblickte er etwas, das er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Eine mattgold glänzende, zwei oder drei Zentimeter breite Ader zog sich durch die unter dem Ackerboden liegende Gesteinsschicht. Hektisch wühlte er mit beiden Händen im Erdreich und bekam einen walnussgroßen Gegenstand zu fassen. Vorsichtig öffnete er seine Hand; der Schein der Sonne ließ das Fundstück funkeln. Für einen kurzen Moment geriet sein Herz aus dem Takt. Er fühlte, wie Schwindel ihn erfasste. „Gold! Das ist Gold“, durchfuhr es ihn. Paul nahm den Gegenstand zwischen seine Zähne, biss vorsichtig darauf. So prüfte man, ob es sich um Gold handelte, das hatte er mal irgendwo gehört.

"Das ist Gold, das gibt´s doch nicht!" Die Worte schossen aus seinem Mund, lauter als er wollte.

Verstohlen blickte er in alle Richtungen.

Hat mich jemand gesehen? Nein!

Er ließ den Goldklumpen in seine Hosentasche gleiten, überdeckte das Loch mit etwas Erde und machte sich auf, so schnell wie möglich nach Hause zu radeln. Gut fünf Kilometer, in einer knappen Stunde würde er Zuhause sein.

"Das muss ich Anna zeigen!" keuchte er atemlos. Seine Gedanken drehten sich um den Goldklumpen in seiner Tasche.

 

Während er sich die Steigung zum Ort hoch kämpfte - natürlich hatte er Gegenwind -, begannen sich trübe Gedanken in seinem Kopf festzusetzen, die seine heitere Stimmung verdunkelten. Er konnte sie nicht verscheuchen, so sehr er sich auch bemühte.  Was würde geschehen, wenn Leute von dem Goldfund Wind bekämen? Was würde mit dem Garten passieren, mit dem Kartoffelfeld, den Gemüsebeeten, den Weinreben und den Obstbäumen?

 

Wie Dämonen tauchten sie mit einem Mal aus dem Nebel seiner trüben Gedanken auf: Grimmig blickende Goldsucher, bewaffnet mit Hacke, Schaufel, Waschsieb und sonstigen Gerätschaften. Oder - schlimmer noch -, professionelle Unternehmen, die mit schwerem Gerät, Baggern, Bohrhämmern und unter Einsatz von Sprengladungen an den Abbau der Goldader gehen würden. Er müsste  beobachten, wie die mit Liebe zum Detail erschaffene Idylle in einem Inferno aus Geröll, Schlamm, Dreck und Staub versänke. Wahrscheinlich nähmen sie ihm das Grundstück ab, enteigneten ihn und speisten ihn mit einem geringen Entschädigungsbetrag ab.  

 

Oh nein, das darf nicht sein, dachte er. Ausgerechnet jetzt, wo der Quittenbaum schon so weit ist. Der  schon viele Knospen hat. Wird bestimmt leckere Marmelade  im Herbst geben. Und auch die Feuerbohnen sehen schon vielversprechend aus. Es gibt nichts Besseres als Annas Feuerbohneneintopf. Wärmt an kalten Wintertagen und macht scharf! Paul lächelte. Dann kamen ihm die Gedanken an seine Weinreben, die im vergangenen Jahr erstmalig richtig getragen hatten. Traumhafte Beeren, aus denen er einen wohlschmeckenden Wein gemacht hatte. "Mein Wein, bestimmt  wird er noch besser als im letzten Jahr! Meine Marke, Pauls Goldrebe, ha, jetzt ist es sogar ein symbolischer Name."

 

Als er die Tür im dritten Stockwerk des Miethauses öffnete, kam ihm direkt ein  vertrauter Geruch entgegen. „Hallo Schatz, da bist Du ja schon", rief ihm Anna aus der Küche zu. Wenig später kam sie ins Esszimmer, in der Hand einen großen, tiefen Teller, aus dem heißer Dampf nach oben zog.

„Lass es Dir schmecken. Feuerbohneneintopf, den magst du doch so gerne.  Heiß, sämig und mit Kräutern aus dem Garten gewürzt. Kraftfutter nach der schweren Arbeit! Alles aus dem Garten! Gott sei Dank, dass wir den haben. Ist  ein Geschenk Gottes, oder? Jetzt lass es dir schmecken!“

Gedankenverloren löffelte er den Eintopf in sich hinein. Er war nicht ganz bei der Sache. Musste unablässig an den Goldklumpen denken.

Er lächelte vor sich hin. Noch einmal tastete er nach dem Goldklumpen in seiner Tasche.

Naja, für Notfälle kann er uns noch sehr nützlich sein, man kann ja nie wissen, was passiert. Jetzt aber brauche ich das Ding noch nicht", flüsterte er vor sich hin, während er sich mit einem vorsichtigen Blick in die Küche versicherte, dass Anna ihn nicht gehört hatte. In Gedanken sah er sich auf der Bank vor seinem Gartenhäuschen sitzen, dachte daran, was er als Nächstes im Garten erledigen müsste.

Genüsslich leckte er sich mit der Zunge über die Lippen, um auch noch den allerletzten Rest des Eintopfes zu genießen, bevor er den Teller in die Küche bringen würde.

"Morgen gehe ich wieder in den Garten, Anna. Es gibt noch viel zu tun. Sehr viel  Arbeit, aber jeder Tag ist immer wieder gut für neue Überraschungen. Was kann es Schöneres geben als unser Paradies!?"

  

 

                                      © Jürgen Gebhardt

 

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