Jürgen Gebhardt               

Im Mai 1957 in Koblenz geboren, seit der Jahrtausendwende im unteren Westerwald lebend. Schreibt Kurzgeschichten seit 2005. Themen sind die Skurillitäten des Alltags, die Natur, die Heimat und die Menschen. Das Leben an sich in all seinen Facetten. Erfüllte und unerfüllte Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Die Vergänglichkeit und der Tod. Wird auch zukünftig mit Lust und Frust an kürzerer und längerer Prosa mit dem Ziel arbeiten, diese in Anthologien und Literaturzeitschriten zu veröffentlichen und bei Lesungen vorzutragen.

     

Ein besonderes Geschenk 


"I bought you a plastic star for your aluminium tree."

Washatte er da gerade gesungen? 

"Ich kaufte dir einen Plastikstern für deinen Weihnachtsbaum aus Aluminium?" So ein Blödsinn, aber diese Art Weihnachtslieder erklangen nun bereits seit Wochen aus dem Radio. Englischsprachige Weihnachtsschnulze der "Last Christmas" - Kategorie, für meinen Geschmack mit zuviel synthetischen Tönen, Klingeling und einem Sänger, der das Lied von Anfang bis Ende im gleichen Tonfall durchkaute.  

Ich stellte das Auto in der Tiefgarage ab und machte mich auf den Weg in die Stadt, um meine Weihnachtseinkäufe zu erledigen. 

24. Dezember, kurz nach Ladenöffnung, für mich die richtige Zeit, Weihnachtsgeschenke einzukaufen. 

"Typisch Mann, kauft wieder mal am allerletzten Tag ein", hatte meine Frau vor sich hingemurmelt, als ich mich an der Haustür verabschiedete. Für sie war es immer so ein strategischen Ding, sich generalstabsmäßig auf Weihnachten vorzubereiten. Weihnachtsbeleuchtung und Dekor anbringen, Plätzchen backen am ersten Adventswochenende, so funktionierte das Jahr für Jahr. Die Geschenke hatte sie sicher bereits vor Wochen gekauft und ich stellte mir vor, dass sie diese während meiner Einkaufstour verpacken und dabei Weihnachtslieder hören würde. 

Ich war früh aufgestanden an diesem Morgen und nun stand ich mit einem dampfenden Becher Kaffee auf unserer Terrasse. Der Wetterbericht hatte eine weiße Weihnacht angekündigt, am frühen Nachmittag würde es stark zu schneien anfangen. Mein Blick wanderte über den Garten, beim Ausatmen konnte ich meinen eigenen Atem sehen. Ich überlegte, welche Geschäfte ich heute ansteuern würde, um die Geschenke zu besorgen, mit denen ich meine Lieben überraschen wollte. Unser Garten übte auch in dieser Jahreszeit eine außerordentliche Faszination auf mich aus und ich genoss die ungestörten Minuten zu Beginn des Tages. Die gelben Blüten des Zaubernuss-Strauches, unseres Winterblühers, kontrastierten mit dem überwiegenden Grau-Grün der restlichen Bepflanzung. Vereinzelte Flocken wirbelte der Wind durch die Luft, eine hauchdünne Schneeschicht hatte sich auf die Gräber unserer Katzen gelegt, die wir am oberen Rand des Grundstücks angelegt hatten, geschmückt mit Tonfiguren. Tierfiguren, zwei Herzen mit Inschriften. Geschmückt mit Blumen im Sommer, in dieser Jahreszeit waren sie mit Tannenzweigen bedeckt. 

 

Gedanken an vergangene Weihnachtsfeste drängten sich mir auf, im Zeitraffer jagten die Jahrzehnte an mir vorbei. 

Die Weihnachtsfeste meiner Kindheit, bei meinen Eltern. Am Weihnachtsbaum, mit meinen beiden Schwestern und den Großeltern, als diese noch lebten. Unvergessliche Stunden voller Harmonie und Behaglichkeit, der Geruch von Lebkuchen und Tannennadeln des frisch geschlagenen Weihnachtsbaums hatte sich in meinen Gedanken festgesetzt. 

In späteren Jahren dann, als junger Ehemann auf Weihnachtstournee mit meiner Frau am 1. Weihnachtstag zu Besuch bei meinen Eltern, am 2. Weihnachtstag bei ihren Eltern. Weihnachtstage auf der Autobahn. 

Jahre später verlebten wir das Weihnachtsfest als kleine Familie. Erste "eigene Weihnachtsfeste", die Großeltern unserer Töchter bei uns Zuhause. Weihnachtsbraten, Rotkraut, dampfende Klöße und dunkle Bratensoße. Kinderlachen im Haus, Gespräche bei einem guten Glas Wein an unserem Wohnzimmertisch.

Das war alles schon so lange her! Ich bemerkte, dass ich in eine nachdenkliche, etwas sentimental-depressive Stimmung fiel. Eine Stimmung, die ich oft an solchen Festtagen verspüre. Irgendwie werde ich immer traurig, trotz bunten Lichtern, gutem Essen und Trinken und einer zumeist harmonischen Stimmung im Kreise der Familie. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade an solchen Festtagen intensiver über das Leben nachdenke als sonst? 

 

Mir fielen die Ereignisse einer Weihnacht vor vielen Jahren ein, als unsere Zwillinge noch klein waren.  Jasmin und Julia hatten Katzenauf ihre Wunschzettel gemalt, das dritte Jahr hintereinander schon und es war das zweite Weihnachtsfest nach ihrer Einschulung, als das Christkind ihnen ihren allergrößten Wunsch erfüllen sollte  und ihnen die beiden Kätzchen unter den Weihnachtsbaum setzte: Geschwister aus einem Wurf, mit wilder Maserung, rot-weiß und schwarz-weiß: Hanni und Nanni. Kaum ein halbes Jahr alt und Herausforderung für unsere Mädchen, all ihre Versprechungen hinsichtlich Fürsorge, Sorgfalt und Liebe gegenüber schutzbedürftigen Lebewesen Gestalt werden zu lassen. 

Die Kinder sollten uns nicht enttäuschen und kümmerten sich in den kommenden Monaten liebevoll um die beiden Kätzchen. Informierten sich über Aufzucht, Pflege und Erziehung und gaben den Tieren all die Liebe, die sie benötigten, um zu gedeihen. 

 

Ein knappes Jahr später:

Der Herbst war feucht gewesen im folgendem Jahr. Bis Mitte Dezember hatte es unaufhörlich geregnet und wir waren froh, dass eine Woche vor Weihnachten das Wetter drehte und es über Nacht Winter wurde mit allem, was dazugehörte: Temperaturen leicht unter dem Gefrierpunkt, Schnee bis in die Niederungen und wärmende Sonnenstrahlen tagsüber. Das war genau das Wetter, das wir benötigten, um in eine schöne, vorweihnachtliche Stimmung zu kommen. Der Weihnachtsbaum lag noch im Netz auf dem Rasen, meine Frau hatte das Haus mit Liebe und Hingabe mit weihnachtlichem Dekor geschmückt und es schien alles perfekt, drei Tage vor Weihnachten, bis zu dem Moment, als die Kinder aufgeregt ankamen und uns aufgelöst berichteten, dass sie Nanni nicht finden könnten. Nanni wäre draußen im Garten gewesen, hätte dort mit Hanni gespielt. Später dann wäre Hanni allein durch die Katzenklappe wieder ins Haus gekommen, Nanni aber nicht. Die Kinder weinten hemmungslos und meinten, dass Nanni sich allein draußen bestimmt fürchten würde.

Was wir auch versuchten, nichts half. Das Kätzchen blieb verschwunden und unsere beiden Kinder waren durch nichts zu beruhigen. Untröstlich und ohne jegliche Vorfreude auf das Weihnachtsfest.

“Kätzchen, die vor Weihnachten nicht Zuhause sind, helfen dem Christkind", sagte meine Frau in ihrer Verzweiflung, die Mädchen zu beruhigen, obwohl wir mit jeder Stunde, in der Nanni nicht zurückkam, die Zuversicht verloren und Böses erahnten.

Auch an jenem Heiligen Abend vor fast zwanzig Jahren hatte es morgens heftig angefangen zu schneien. Am frühen Nachmittag bedeckte eine geschlossene Schneedecke  den Garten, die Ruhe dieses besonderen Tages erfüllte die Luft. Je weiter die Uhr vorrückte, desto mulmiger wurde uns zumute, denn wir wussten, dass es in diesem Jahr ein trauriges Fest werden würde. Wir alle, nicht nur die Kinder, waren traurig und in Gedanken bei Nanni, die wir wahrscheinlich nie wiedersehen würden.

Wir bereiteten uns auf die Bescherung vor, als meine Frau Spuren im Schnee auf unserer Terrasse bemerkte, die zur Katzenklappe und somit in unser Haus führten. Spuren von zwei Katzen. Wir folgten diesen Spuren, Wasserflecken auf dem Parkettboden unseres Wohnzimmers, die Treppe hoch bis in das Zimmer, in dem die Katzenkörbe standen. Da lagen sie, Hanni und Nanni, beide einträchtig zusammen in einem Katzenkörbchen. Nanni hatte Lametta in ihrem vom Schnee noch nassen Fell hängen. Wo war sie die letzten Tage gewesen?

 

Tage später erfuhren wir von Nachbarn, dass sie Nanni in dem Raum gefunden hatten, in dem sie ihre Weihnachtssachen aufbewahrten. Offensichtlich war Nanni in einem unbeobachteten Moment in das Nachbarhaus gelangt und hatte sich dort zwischen den Weihnachtssachen versteckt, bis nach Tagen die Tür endlich geöffnet wurde und sie in die Freiheit stürmen konnte.

 

“Kätzchen, die vor Weihnachten nicht Zuhause sind, helfen dem Christkind", hatte meine Frau gesagt. 

Und Recht behalten. Wie fast immer. 

  

 

                                      © Jürgen Gebhardt

 

 

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