Jürgen Gebhardt               

Im Mai 1957 in Koblenz geboren, seit der Jahrtausendwende im unteren Westerwald lebend. Schreibt Kurzgeschichten seit 2005. Themen sind die Skurillitäten des Alltags, die Natur, die Heimat und die Menschen. Das Leben an sich in all seinen Facetten. Erfüllte und unerfüllte Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Die Vergänglichkeit und der Tod. Wird auch zukünftig mit Lust und Frust an kürzerer und längerer Prosa mit dem Ziel arbeiten, diese in Anthologien und Literaturzeitschriten zu veröffentlichen und bei Lesungen vorzutragen.

  

Landgang


Nach Wochen an Bord befällt dich eine unheimliche Schmacht auf das Leben. Du gierst nach allem, was es dir bieten kann. Willst greifen, was du kriegen kannst. Kurzweilige Stunden unter Freunden, in einer rauchigen Kneipe direkt am Hafen. Alkohol, soviel du willst und niemand sagt dir, hör auf. Sex, unkompliziert, schnell und keiner fragt. Gefühl? Etwas ähnliches wie Liebe? Vielleicht.   

Du weißt, dir bleiben nur achtundvierzig Stunden. Zwei Tage und zwei Nächte, an denen dein Frachter am Kai liegt, die Ladung gelöscht wird. Landgang, Nach Wochen an Bord, in denen du nichts anderes gehört hast als das monotone Tuckern des Diesels, das wie eine schwere Decke über allem liegt, dich selbst im Schlaf verfolgt. Hubschrauber im Gehirn. Über allem der Öl Geruch, du spürst ihn auf der Zunge. Frische Luft nur, wenn du an Deck bist.

Sie tendern dich an Land. Dein Blick wandert über die Schiffe, Kräne und Kais. Die Landungsbrücken, im Hintergrund die alten Speicher. Möwen kreisen, immer auf der Suche nach irgendetwas zu fressen, das ihrem kargen Leben einen Sinn gibt.


Du lehnst am Tresen der Frittenbude, isst die Currywurst, auf die du dich bereits seit Tagen gefreut hast. Gierig und schnell. Gleich zwei Stück hintereinander. Die Pulle Astra in der anderen Hand. Beobachtest die Menschen. Touristen in der Schlange am Ticketschalter. Hafenrundfahrt. Eine knappe Stunde in einer schaukligen Barkasse, dazu ein Rollmops und einen Kurzen, das Smartphone schussbereit, wenn es am Kai von Blohm & Voss vorbeigeht. Echtes Seemannsfeeling für zwölf Euro fünfzig.

Die Pulle Bier ist schon wieder leer. Komm, eins geht noch, und dann aber weiter!


Du siehst auf die Uhr. Elf. Früh noch, aber die Kneipe von Heinz hat immer auf. An der Theke sitzen die Festgewachsenen, übrig geblieben von der Nacht. Neben einem Glas voller Soleier. Sind zwar verboten, aber Heinz schert das nicht, der Mann vom Amt guckt weg. Isst er selbst gerne. Lallend quatschen die Festgewachsenen über die ganz großen Themen. Einer schläft, die Hand am Glas, den Kopf auf der Theke. Aus der Musikbox dröhnen alte Schlager. Muss wohl der Alte hinten am Tisch gedrückt haben. Immer dasselbe Lied über die Liebe, seine ist nur noch Erinnerung auf dem Friedhof von Altona.   


Du stehst vor der Pissrinne, mit einer Hand an die Wand gelehnt lässt du es laufen.  

Du liest die Sprüche an der Wand. Hast dich auch mal verewigt hier. Lange her. Dirk und Marion, zwei Namen in einem Herz. Mit Pfeil, in rot an der Wand. War was Großes damals. Was fürs Leben. Bis dein Kahn einmal früher anlandete als vorgesehen. Marion nicht allein. Die Schlampe. Und du hattest ihr vertraut! Hattest die Vorstellung von einer Braut, die treu auf den Augenblick wartet, in dem du für immer bei ihr bleiben würdest. Und dann das!

Später fehlten dir Stunden und Tage, kannst dich nur daran erinnern, irgendwann in der Koje aufgewacht zu sein. Dein Kopf dröhnte, das Auge blau, die Hand blutverschmiert und schmerzend.


Du brauchst was zum Schmusen. Machst dich auf den Weg. Das Kopfsteinpflaster reflektiert die bunten Lichter der Neonbeleuchtung. Was, schon so spät? Stunden vergingen, du hast es gar nicht gemerkt im Zwielicht der Kneipe. Leicht bekleidete Frauen in Schaufenstern. Dafür hast du keinen Blick. Du willst zu Maria. Hat ihre beste Zeit schon lange hinter sich, ist aber nett. Fünfzig Euro Startgeld. Für dich vierzig und einen Pikkolo für einen Fünfer. Schön, dass du wieder mal vorbeischaust, Kleiner. Du bist was Richtiges! Das ist doch keine Arbeit mehr! Kommen nur noch Ausländer und Besoffene. Ach, alles Mist. Schön, dass du da bist.

Da unten funktioniert es nicht so wie du es dir oben wünschst. Macht nix, Kleiner, wollen wir quatschen? Hier, trink einen Schluck. Ist nichts mehr so wie es mal war, sagt sie. Die ausm Osten machen alles kaputt. Machen es dir für einen Zehner. Direkt unten im Hausflur, mit der Hand. Blasen einen Schein mehr. Das ist doch kein Geschäft mehr!


Der Morgen graut, als du die Treppe zur Koje runter gehst. Ein paar Stunden schlafen, dann wieder raus. Vielleicht auf den Rummel, dann ins Stadion. Pauli spielt! Was für ein Glück. Das könnte ein toller Tag werden.


Vielleicht, ja vielleicht sollte ich mich mal bei Marion vorbei schleichen, denkst du, vielleicht sehe ich ja meinen Kleinen. Wann war das letzte Mal? Vor zwei Jahren, oder länger? Ist bestimmt groß geworden. Ob er mich erkennen würde? Ach, vielleicht beim nächsten Mal ...

Du bleibst auf deiner Koje liegen, starrst an die Decke. Die Rauchwolken der Zigarette kringeln sich zur Decke hin. Du hörst das Tuckern des Diesels, glaubst, das Maschinenöl auf deinen Lippen zu schmecken.

 

                                      © Jürgen Gebhardt im Februar 2018

 

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