Jürgen Gebhardt               

Im Mai 1957 in Koblenz geboren, seit der Jahrtausendwende im unteren Westerwald lebend. Schreibt Kurzgeschichten seit 2005. Themen sind die Skurillitäten des Alltags, die Natur, die Heimat und die Menschen. Das Leben an sich in all seinen Facetten. Erfüllte und unerfüllte Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Die Vergänglichkeit und der Tod. Wird auch zukünftig mit Lust und Frust an kürzerer und längerer Prosa mit dem Ziel arbeiten, diese in Anthologien und Literaturzeitschriten zu veröffentlichen und bei Lesungen vorzutragen.

     

Übermorgen um halb elf  

 

"Das könnte der Durchbruch sein. Spät, aber nicht zu spät". Strahlend drückte Werlinger seiner Frau den überdimensionierten Blumenstrauß in die Arme. Eine Geste, die er selbst jahrelang immer als Sentimentalität abgetan hatte und auch nie an Valentins- oder Geburtstagen wankelmütig geworden war. 

"Ritscher hat mich zu sich bestellt. Übermorgen, um halb elf."

"Ritscher?" Sibylle starrte auf den Strauß in ihren Armen, in Gedanken ging sie den Vasenbestand durch, hoffentlich hatte sie eine Vase, in der der Strauß optisch optimal zur Geltung kommen würde. Beiläufig wiederholte sie: "Ritscher? Kenn ich den?"

"Ritscher? Von dem habe ich dir doch erzählt. Personalabteilung. COHR, Chief Officer Human Resources. Höher geht´s nicht.

"Ach so, Ritscher. Ja, hast du von erzählt. Ich glaube, ich erinnere mich." 

Liebevoll ordnete Sibylle die Blumen in der Vase. Früher hatte sie Floristin werden wollen, sich dann aber ganz auf Haushalt und Kindererziehung konzentriert, während Werner ausgezogen war, Karriere zu machen. Jetzt träumte sie von einem großen Wintergarten direkt vor dem Wohnzimmer, in dem sie ihre Träume von einer grünen Oase verwirklichen könnte.

"Wenn Ritscher himself mich schon kommen lässt, dann geht es bestimmt um etwas ganz Großes." 

"Wieso?"

"Weil, ja weil, Ritscher spricht nicht mit jedem. Ritscher dreht das ganz große Rad, hat immer das große Ganze im Blick." 

Sibylle zuckt mit den Schultern, trägt den Strauß ins Esszimmer, wo sie die Vase auf der Anrichte platziert.

"Bestimmt geht es um den "Global Sales Manager Eastern Europe", sagt Werlinger vor sich hin. Die Krawatte baumelt locker um den Hals, in der Hand hält er ein Glas. Bernsteinfarbene Flüssigkeit, Carlos Primero. Doppelt. Nur für besondere Anlässe. Vielleicht ist das der späte Karriereschub für mich. Wenn das so kommt, können wir den Wintergarten sofort bestellen und vom Delta zum alten Gehalt locker in zwei, drei Jahren abstottern, denkt er und nimmt einen tiefen Schluck.

 

Zwei Tage später steht Werner Werlinger im achten Stockwerk vor den silberglänzenden Aufzugstüren und beobachtet die Anzeigen, die den jeweiligen Etagenstandort der Aufzüge mit roten Leuchtdioden anzeigen. Hoch auf die siebzehn. Zu Ritscher. Für einen Moment hatte er überlegt, die Treppe zu nehmen, fürchtete dann aber, geschwitzt und mit rotem Kopf oben anzukommen, was Ritscher ihm als Aufgeregtheit auslegen könnte.

Auch ist Werlinger zu früh dran, gut fünfzehn Minuten, um genau zu sein. Doch besser zu früh als zu spät, nichts hasst Ritscher so sehr wie Unpünktlichkeit. Werlinger beschließt also, zeitig hochzufahren und die Minuten bis Punkt halb elf auf der Toilette zu verbringen, dann Ritschers Vorzimmer auf die Minute pünktlich - just in time -, zu betreten, mit ruhigem Puls, frisch gekämmt.

Er ist froh darüber, dass während der Fahrt niemand zusteigt und nicht sieht, dass er rauf auf die siebzehn will. Auf die Etage mit den hellen, weichen Teppichen, auf der nur die Leitung der Human Resources angesiedelt ist. Zu Ritscher, dem Königsmacher, wie er im Haus genannt wird.  Nein, das würde zu viel Gerüchte auslösen und wahrscheinlich würde jeder ahnen, dass für Werlinger eine Beförderung ansteht, er wohl die letzte Zeit in seiner Funktion als Leiter des Inlandsverkaufs tätig gewesen ist. Nein, allzu gerne würde er die Neuigkeit über seine Beförderung zu einem selbst gewählten Zeitpunkt gerne vor seiner Chefin und seinen Kollegen verkünden.  Die würden überrascht sein! 

 

Ritscher ist auch bekannt dafür, schnell auf den Punkt zu kommen. Seine Zeit ist kostbar und so dringt er auf eine schnelle Einigung. Man einigt sich nach einem kurzen Gespräch über die Konditionen. Kaum fünfzehn Minuten, nachdem er Ritschers Büro betreten hatte, zieht Werlinger die Tür des Vorzimmers hinter sich zu. Wie er ganz richtig vermutete, bekleidet er ab sofort eine neue Position. 

Ein paar Minuten später verlässt er das Headquarter der Tuchscherer AG. Seinen Firmenwagen lässt er stehen. Er steigt in die S-Bahn, um nach Hause zu fahren. Unterwegs besorgt er sich noch die Prospekte für den Wintergarten und vereinbart einen Beratungstermin bei sich zu Hause. 

Übermorgen um halb elf, dann wird er Zuhause sein, ab sofort hat er viel Zeit. 

Den Wintergarten wird er bald bestellen können. Er wird ihn von seiner Abfindung direkt bezahlen können ohne einen Kredit aufnehmen zu müssen. 

Werlinger lächelt, einen dicken Rabatt würde er als Barzahler auch noch aushandeln können.  

 

                                      © Jürgen Gebhardt

 

 

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