Jürgen Gebhardt               

Im Mai 1957 in Koblenz geboren, seit der Jahrtausendwende im unteren Westerwald lebend. Schreibt Kurzgeschichten seit 2005. Themen sind die Skurillitäten des Alltags, die Natur, die Heimat und die Menschen. Das Leben an sich in all seinen Facetten. Erfüllte und unerfüllte Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Die Vergänglichkeit und der Tod. Wird auch zukünftig mit Lust und Frust an kürzerer und längerer Prosa mit dem Ziel arbeiten, diese in Anthologien und Literaturzeitschriten zu veröffentlichen und bei Lesungen vorzutragen.

     

Grüße von Camus 



 

Er hätte sich einen Jaguar aussuchen können. Einen Aston Martin oder einen Italiener.  Maserati, Lamborghini vielleicht. Ferrari schied für ihn aus, zu auffällig, zu modern. Seiner Meinung nach heutzutage Massenware für die Reichen. Nein, seit Marcus den "Parler francais" - Kurs für Fortgeschrittene in der VHS besucht hatte, war in ihm der Traum von einem französischen Automobil übermächtig geworden.

"Wann geht es endlich los?", fragte Fred nun schon zum dritten Mal an diesem Nachmittag, dabei trommelte er mit den Fingern unruhig auf dem Tisch herum. "Mensch Marcus, ich bin blank, ich brauche den Auftrag ganz dringend. Ich kann nicht mehr länger warten."

"Abwarten, ich habe eine Überraschung für dich", antwortete Marcus gedehnt, dabei fummelte er mit seinem Zeigefinger nahe an seinem Gesicht herum, "du wirst überrascht sein. Es wird ein Franzose!"

"Ein Franzose?" Fred lehnte sich weit nach vorne, die Hände umklammerten die Lehnen des Bürostuhls, bis die sich Knöchel unter der Haut abzeichneten. "Ein Franzose! Ach du Scheiße, ausgerechnet ein Franzose! Ich werde wahnsinnig! Weißt du eigentlich, dass kein Auto häufiger liegenbleibt als ein französisches! Nicht mal die Italiener!"

"Reg dich ab, Fred! Das wird das Geschäft unseres Lebens. Du wirst sehen." Marcus fingerte eine Zigarette aus der gelben Gitanes - Packung und parkte das dicke, gelbe Torpedo in seinem Mundwinkel, während er seine Jackentaschen nach dem Feuerzeug abklopfte.

"Ich garantiere dir, wir bekommen mindestens hunderttausend Ocken für die Kiste, wenn wir Glück haben viel mehr. Wir fahren mit der Karre so schnell wie möglich nach Spanien, verstecken sie dort ein paar Monate und dann geht sie im Container rüber nach Algier, dort übernimmt sie Mersault. Der verhökert sie dann nach", - er zögerte einen Moment, Falten machten sich wulstig auf seiner Stirn breit -, "ach, egal, nicht unser Problem."

"Hunderttausend Ocken? Für eine Ente, oder was?" Die Franzosen haben doch nur so einen Mist gebaut. Enten mit Revolverschaltung, oder wie hieß dieses Nachkriegsdingens in Wüstenfarbe? Cremeschnittchen, 4CV. Von Renault."

Darin war Fred nicht schlecht. Autotypen kannte er wie kein Zweiter und die nächsten Minuten verbrachte er damit, Autotype um Autotype aus seinem Gedächtnis zu kramen und Marcus in allen Details um die Ohren zu hauen.

"Die rollenden Wellblechkisten, die jeder Fischhändler damals fuhr. Okay, ja ja ja, ich gebe es ja zu, die waren schon sehr speziell und irgendwie auch kultig, aber damit kann man doch kein Geld verdienen. Die Floride, schönes Auto, aber wenig PS und nichts wert auf dem Markt.

"Monsieur Petit a acheté une Dauphine, so stand es in meinem Französischbuch", unterbrach ihn Marcus, der minutenlang schweigend dagesessen und Fred zugehört hatte. Das Zigarettenpapier war zwischenzeitlich eine feste Verbindung mit seinen Lippen eingegangen, klebte im Mundwinkel, die Glut erloschen.

"Dauphine? Ach du Gott. Biedermann lässt grüßen." Fred hatte sich in Rage geredet. "Einzig vernünftig ist die DS, die Göttin. Darin kannst du mich bis an die Cote d´Azur kutschieren. Ich spüre schon, wie ich in die  Rückbank versinke, Gitarre spiele oder nur so vor mich hinträume. Ja, zugegeben, die Göttin ist ein Traum. Weiche, weibliche Formen, die könnte ich stundenlang streicheln. Und dann erstmal die Hydraulik. Das Ding ist ein fahrendes Sofa. Herrlich."

Fred war ruhiger geworden während er die letzten Sätze sprach, verträumt hatte er die Augen geschlossen und lag mehr als er saß in dem Bürostuhl, die Beine weit nach vorne gestreckt.

Was redet der für ein Zeugs, der Kerl ist dumm wie ein Stück Brot, aber ein hervorragender Mechaniker ist er ja, der Beste, ich brauche ihn, leider, dachte Marcus.

"Gut jetzt, lass uns noch eine Runde pennen, wir müssen nachher topfit sein, heute Nacht geht es los."

 

Die Alarmanlagen zu umgehen war kein Problem für Marcus. Er hatte in Eintrittskarten investiert, war wochenlang interessierter Besucher der Automobilausstellung gewesen, hatte sich die Türanlagen und räumliche Gegebenheiten genau angesehen und sich gemerkt, wo Videokameras angebracht waren. Besonders hatte er sich für Halle 5 interessiert, in der seltene historische Automobile ausgestellt waren. Atemlos durchschritten sie die Halle, nachdem sie die Alarmanlage und die Kameras abgeklemmt hatten. Das einfallende Mondlicht schickte einen einzigen, keilförmigen Strahl durch das Oberlicht in den Ausstellungsraum, geradewegs auf das Objekt ihrer Begierde.  Weiß und glänzend stand es da.

Fred schnappte nach Luft.

"Ach du Scheiße, dass ich da nicht drauf gekommen bin. Das ist ja der Wahnsinn. Marcus, du bist der Beste! Ist das etwa ein Facel Vega? Und dann auch noch ein HK 500! Wahnsinn! Jetzt sag nicht, dass das die Kiste ist, die Ringo Starr damals gefahren hat. Oder Robert Wagner in Berg der Versuchung. Den Film habe ich gesehen, Wahnsinnsszene, wie der da am Anfang die Alpenstraße hoch fuhr. Ich weiß noch genau, wie der klang. Wahnsinn! Nee, der von Wagner war ja rot, soweit ich mich erinnere, der hier ist weiß und außerdem ein Coupé. Absoluter Wahnsinn! Okay, gehen wir an die Arbeit."

Marcus hatte Freds Gefühlsausbruch kommentarlos über sich ergehen lassen, zwischenzeitlich die Angaben auf dem Schild gelesen, das vor dem Auto platziert war:

 

Facel Vega HK 500

Baujahr 1958

8 Zylinder, 390 PS, Höchstgeschwindigkeit 235 km

Motor: De Soto Firedome

Restauriert 2015

Preis: Unverkäuflich.

 

Das letzte Wort hatte er deutlich ausgesprochen. Respektvoll irgendwie.

"Unverkäuflich?" hörte er Fred sagen. "Na und, sind wir hier um zu kaufen?". Fred kicherte und zog einen langen, dünnen Draht aus seinem Rucksack, der mit Werkzeug vollgepackt neben ihm auf dem grauen Betonboden stand.

 

Marcus hatte schweren Herzens Fred das Reisecoupé über die ersten hunderte Kilometer überlassen. Das war der Deal gewesen, du erledigst den Job, dafür darfst du fahren. Fred konnte sich nicht einkriegen über den Luxus, der sich ihm offenbarte. Das Armaturenbrett in lackiertem Metall mit mehr als einem Dutzend Kippschaltern und einer größeren Anzahl runder Tachos. "Wow, wie ein Flugzeugcockpit. Halt dich fest, gleich heben wir ab", rief er. "Rote Ledersitze wie in einem Puff, aber irgendwie geil, die riechen auch gut."

Nach stundenlanger Fahrt, es war zwischendurch hell geworden, hatten sie den Fuß der Pyrenäen erreicht. Es war Zeit für einen Fahrerwechsel.  Fred übergab das Lenkrad an Marcus, der den Wagen die Serpentinenstraße hinauf lenkte.

"Aber pass mir gut auf unser Schätzchen auf", sagte er. Dann rutschte er tief in das weiche Leder. .

„Das ist aber harte Arbeit für harte Männer". Marcus lachte verhalten, bereits nach kurzer Zeit spürte er, dass er nicht gewohnt war, einen schweren Wagen ohne Servolenkung eine Serpentinenstraße den Berg hinauf zu fahren.

„Und die Bremsen erst", sagte Fred, „wirst du merken, wenn es bergab geht. Da braucht man stramme Waden. Der hat Trommelbremsen und ein bisschen weich sind sie auch, du musst kräftig pumpen, damit sie greifen.“

"Boah, ich bin froh, dass wir endlich oben sind, mir tun schon die Arme weh, “ erwiderte Marcus." Der Wagen ist toll, aber jeden Tag wollte ich damit nicht fahren. Gut, dass es endlich bergab geht. Jetzt kann ich rollen lassen. Leichter lenken und ein bisschen bremsen."

Fred antwortete nicht. Er hatte unter dem Armaturenbrett ein Fach entdeckt und darin einen Schnellhefter voller Zeitungsartikel über den Fahrzeugtyp, in dem sie gerade saßen. Vorne über gebeugt saß er auf dem Beifahrersitz und blätterte hin und her.

Seine Augen klebten auf den Firmenprospekten mit den verblichenen Fotos, den technischen Daten und Fahrberichten. Plötzlich stutzte er, blätterte zurück und betrachtete eingehend ein Schwarz-Weiß-Foto. Ein Foto, das ein großes Coupé zeigte, zerfetzt hing es an einem Baumstamm, darüber die Überschrift:

"Albert Camus und der Facel Vega - Tod im Traumwagen."

"Ach du Scheiße, das gibt es ja nicht!". Fred richtete sich ruckartig auf, saß kerzengerade auf dem Beifahrersitz, den Rücken fest gegen die Lehne gepresst. Kennst du einen Albert Camus?"

"Ja, sicher, ja natürlich kenne ich den", antwortete Marcus, sein Kopf ruckte nach rechts, er sah Fred eindrücklich an. "Albert Camus. Französischer Schriftsteller. Nobelpreisträger. Was ist mit dem?"

"Der ist, der ist", stammelte Fred, "der hat sich mit diesem Wagen totgefahren."

"Was?"

"Der ist mit diesem Wagen verunglückt. Tot!"

"Mensch, spinn nicht rum, nicht mit diesem Wagen, sondern mit einem dieser Wagen." Marcus starrte Fred an, er kannte ihn, oft genug hatte er dessen  plötzliche Panikattacken erlebt.

"Egal, ich will hier raus. Lass mich raus, sofort. Bitte!"

Fred rastete völlig aus, griff nach dem Lenkrad, augenblicklich begann der Wagen zu schlingern. Marcus, der eben noch lässig den linken Arm aus dem Fenster gehalten hatte, bekam ihn nun nicht schnell genug ans Lenkrad, um mit beiden Händen gegenzulenken. Der Wagen raste mit hoher Geschwindigkeit auf den Holzzaun zu, der die Fahrbahn von dem Abhang trennte.

Marcus riss die Augen auf und schrie.

                                                  

Verdammt, der Kerl hat recht, schoss es ihm durchs Gehirn, man muss wirklich pumpen, sonst greifen die Bremsen nicht.  

  

 

                                      © Jürgen Gebhardt

 

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