Sven Schmidt

Sven Schmidt, geboren 1977 in Neuwied, seitdem zufriedener Stadtteilbewohner zwischen Wied und Rhein, nach Abitur und Wehrdienst zum Bürostuhlakrobaten mutiert, verheiratet, 2 Kinder, über das Lesen zum Schreiben gekommen. Begeisterter Besucher der Neuwieder Literaturwerkstatt . Schreibt hauptsächlich Kurzgeschichten, ohne sich auf bestimmte Themengebiete festzulegen. Träumt von Zeit und Geduld irgendwann ein kleines Büchlein mit Leben zu füllen.


GröKoFaZ

<10.April 2018>

Liebes kommunistisches Tagebuch,

heute wachte ich erneut mit schrecklichen Zahnschmerzen auf. Wütend befahl ich meiner Leibgarde, diesen Stümper Dr. Yoo augenblicklich zu exekutieren und ließ nach einem neuen Zahnarzt aus Pjöngjang rufen. Ich hoffe für ihn, er ist fähiger als sein Vorgänger, die Zähne des größten koreanischen Führers aller Zeiten zu behandeln.

Während ich meine Morgentoilette verrichtete, las mein Kammerdiener mir die neuesten Geheimdienstberichte vor.
Die Welt zittert mal wieder vor meinen Raketen. Die kapitalistischen US-Verbrecher plustern sich weiter auf und senden Flugzeugträger und Atom-U-Boote aus. Sie denken wirklich, mich, Kim Jong-Un, den Oberbefehlshaber der koreanischen Volksarmee, den Vorsitzenden der Partei der Arbeit, den obersten Führer der demokratischen Volksrepublik Korea einschüchtern zu können?  Lächerlich!
Ich muss mir unbedingt etwas gegen die Verstopfung geben lassen.

Es gab Eier mit Speck zum Frühstück. Dann erschien der Leiter meines persönlichen Bautrupps zum Rapport. Er stammelte, dass die Arbeiten an dem neuen Atomschutzbunker aufgrund des letzten Monsuns leicht hinter dem Zeitplan liegen würden. Nachdem ich für diese jämmerlichen Ausflüchte mit Sippenhaft für seine gesamte Familie gedroht hatte, ging er höchst motiviert wieder an die Arbeit für Land, Volk und Führer, um den Bunker in den nächsten Tagen fertigzustellen. 

Nach den anstrengenden Regierungsgeschäften zog ich mich in meinen Palast zurück, arbeitete weiter an dem Modellbausatz der Saturn-V und ließ mir dabei von Ri-Sol-ju meine Lieblingssongs aus „Cats“ vorsingen. Immer wieder erweist es sich als Geniestreichs meines Vaters, des großen Kim-Jong-il, dass ich die beste Sängerin des Landes zur Frau bekam.
Gegen Nachmittag traf der neue Zahnarzt ein und versprach die sofortige Beseitigung der Schmerzen. Nachdem er mir hektisch in das Zahnfleisch gebohrt hatte, ließ ich IHN beseitigen.


Von meinem Leibarzt bekam ich etwas Morphium gegen die Schmerzen.  Ich fühlte mich etwas benommen und sagte alle weiteren Hinrichtungen und Termine für heute ab.
 Diese Zähne bringen mich noch um.


<11.April 2018>

Liebes kommunistisches Tagebuch,

heute Nacht träumte ich von einem Raketenregen über amerikanischen Städten. Eine interkontinentale Feuersbrunst. Die Freiheitsstatue - zerbröselt, das Weiße Haus - ausradiert, der stolze Weißkopfseeadler – verkohlt; ich sah die Flagge der USA in Flammen aufgehen, ritt auf einer vaterländischen Rakete über eine atomare Wüste und bestieg den verwaisten Thron der Welt.
Nachdem ich erwacht war, rief ich berauscht vom Tatendrang nach dem Propaganda-Minister und befahl, meine nächtliche Vision sofort in Videoformat umzusetzen und auf der Nationalfeier, anlässlich des 105. Geburtstags meines Großvaters Kim-Il-Sung, der ganzen Welt zu präsentieren. Welch passender Anlass.
Ich fühle mich großartig und bin stolz auf meine herausragenden Führerqualitäten,  wenn da nur diese Zahnschmerzen nicht wären.

Ich vermerkte auf der To-Do-Liste meines Führernotizbuchs:
Das Zahnarztwesen mit unnachgiebiger Strenge von Versagern und Staatsfeinden säubern!!!!
Dann ließ ich General Quan-to kommen und befahl mittels einer Geheimdienstaktion einen Zahnarzt in der Schweiz zu entführen und sofort zu mir in den Palast zu bringen.
Mit Schweizer Zahnärzten hatte ich während meiner geheimen Schulzeit in Bern hervorragende Erfahrungen gemacht.

Gegen Mittag rief mein guter Freund Dennis ( Rodman ) an.  Wir unterhielten uns über die Spiele der Lakers und die Basketballergebnisse vom Wochenende. Er versprach, mir ein Trikot zu besorgen, mit den Unterschriften des gesamten Teams. Dann lachten wir über den jämmerlichen, ignoranten Präsidenten der USA. Denkt er wäre der Größte. „Make America great again“. Pah!
 Dennis pflichtete mir bei, dass dieser Trump der reinste Schaumschläger sei. Ein größenwahnsinniger Vollidiot.
Mit einem Freund zu sprechen tat gut und bestärkte mich darin, die Drohgebärden der Kapitalisten nicht weiter ernst zu nehmen. Mit einem Anruf im Nuklearministerium befahl ich, die neuen Trägerraketen zu bestücken und morgen mit den entscheidenden Atom-Tests zu beginnen. Die werden schon sehen, wer die größte Rakete hat.

Am Abend ließ ich mir bei Gesang meiner Gemahlin zu meinen Lieblings-Michael Jackson-Songs einen Burger vom Kobe-Rind bringen und beschloss, den Militäretat nochmals kräftig aufzustocken. Die dafür notwendigen Einsparungen bei den Lebensmittelreserven nimmt das Volk für die Größe seines obersten Führers sicher gerne in Kauf.


<15.April 2018>

Liebes kommunistisches Tagebuch,

heute um 2. 57 Uhr traf der amerikanische Flottenverband vor unserer Küste ein.
Noch in der Nacht rief ich den Kriegszustand aus und diktierte der staatlichen Pressekommandantur eine Botschaft für diesen strohköpfigen, zwitschernden Wahnsinnigen, die in allen Tages-Zeitungen abgedruckt wurde:
 Legt euch nicht mit uns an. Unsere revolutionären Truppen sind kampfbereit. Sollten wir unseren super-gewaltigen Präventivschlag starten, wird er nicht nur umgehend die Truppen der US-Imperialisten in Südkorea und Umgebung, sondern auch das US-Festland auslöschen und sie zu Asche machen.“

Dann schlief ich wieder ein. Nach dem zweiten Frühstück nahm ich die Einweihung einer neuen Schweinefarm nahe Pjöngjang vor.

P.S. Noch kein Zahnarzt weit und breit. Muss unbedingt dem Geheimdienst Beine machen! Habe Schmerzen. Ganz schlimme Schmerzen!


<18.April 2018>
(fast fertiger Atombunker ,70 Meter unter verbrannter Erde )

Liebes kommunistisches Tagebuch,

                   

die Hölle ist ausgebrochen, nachdem ich im Schmerzmittelrausch den roten Knopf gedrückt habe. Der Transport mit dem dringend benötigten Schweizer Zahnarzt wurde von dem amerikanischen Vergeltungsschlag überrascht und leider atomisiert. Und das Schlimmste an der Sache: Mein Morphium-Vorrat geht zu Neige. Wie soll man unter solchen unmenschlichen Bedingungen Krieg führen? Dazu jetzt auch noch ohne Armee, Volk, ohne Vaterland. Irgendwie vermisse ich Ri-Sol-jus Stimme. Jetzt einen Song von Shirley Bassey zu hören, würde mich schon aufmuntern. Leider vergaß ich bei der ganzen Aufregung, sie mit zu evakuieren. Schade eigentlich.
Außerdem bekomme ich jetzt wohl auch noch Haarausfall.  

Aber noch ist nichts verloren. Zuerst muss ich diese Zahnschmerzen los werden, und dann … dann wird die Welt die Rache KIM-JONG-UNs zu spüren bekommen …  

© Sven Schmidt 04/2017  

 

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