Sven Schmidt

Sven Schmidt, geboren 1977 in Neuwied, seitdem zufriedener Stadtteilbewohner zwischen Wied und Rhein, nach Abitur und Wehrdienst zum Bürostuhlakrobaten mutiert, verheiratet, 2 Kinder, über das Lesen zum Schreiben gekommen. Begeisterter Besucher der Neuwieder Literaturwerkstatt . Schreibt hauptsächlich Kurzgeschichten, ohne sich auf bestimmte Themengebiete festzulegen. Träumt von Zeit und Geduld irgendwann ein kleines Büchlein mit Leben zu füllen.


Wachstum

Ungetüme aus Stahl, Beton und schwarzem Glas versperren den Blick auf die Welt außerhalb der Sphäre von MegaCity ONE.
Hell hat das Universum der Stadt noch nie verlassen.
Wie er, schuften 50 Millionen Arbeiter, Tag ein Tag aus, in Werkshallen, Fabriken und in immer weiter wachsenden Wirtschaftstürmen, um die Leistungsfähigkeit zu steigern und das Konsortium zufrieden zu stellen. Die Maschinen stehen niemals still. Giga-Transporter fressen sich zäh durch Industrieschluchten zur nächsten Verladestation. Heli-Carrier pendeln zwischen Produktionsstätten und sorgen für exakt kalkulierten Nachschub. Zwischen Metall und Kunststoff bilden die Arbeiter das Schmiermittel, welches das Räderwerk von MCO am Laufen hält.
Seit dem Jahre 532 neuer Zeitrechnung bestimmt nun der Wirtschaftskrieg mit der Freihandels-Gilde das Leben der Bevölkerung. In ständigem Ausnahmezustand, immer zu weiteren Höchstleistungen und persönlichen Entbehrungen angetrieben, verbrachten schon unzählige Generationen ihre Existenz im abstumpfenden Arbeitsdienst für den Machthunger des Konsortiums. Jeder neue Produktionszyklus ist genau wie der vorherige. So war es immer. Doch in letzter Zeit gibt es Abweichungen und immer mehr Arbeiter verschwinden spurlos. Sie erscheinen nicht mehr an ihrer Arbeitsstätte. Sind auch nicht in ihren Wohneinheiten auffindbar. Die drohenden Gewinn-Ausfälle, auch durch die weiter steigende Suizidrate, werden mit der immer effizienteren Klon-Produktion kompensiert. Klone gelten als anspruchslos und wartungsfrei.

Hell steigt in Linie 200.1 der Magnetbahn und sieht aus dem verrußten Fenster. Das Leben erstickt unter Dunstwolken des allgegenwärtigen Feinstaubs. Monotone Wohnblocks rasen an ihm vorbei. Nur die Dächer der 150-stöckigen Gebäude stoßen durch zum blass-grauen Himmel.
Die Hochgeschwindigkeitsfahrt entlang symmetrisch angelegter Verkehrsadern endet nach zwei Stunden in einem Randbezirk der Stadt.

Die einzige Abweichung in Hells Dasein besteht in einer wöchentlichen Flucht aus dieser mechanischen, grausamen Welt.
Über die Jahre hatte er sich durch seinen klaglosen Einsatz für die Volksgemeinschaft eine Erhöhung seiner Freizeitberechtigung auf 30 Einheiten erarbeitet.
An der Station Oaks-Gate verlässt Hell die Bahn und steht nun vor einer riesigen, eingefassten Hemisphäre, die sich wie ein einsamer Leuchtturm aus dunklen Wassern erhebt.
Er betritt die Erholungs-Kuppel, nachdem er seinen implantierten ID-Code
277 über den Port-Scanner gezogen hatte:

Aus Grau wird Farbe. Aus Laut wird leise. Aus Tod wird Leben.
Ein tiefer befreiender Atemzug entschädigt für den langen Weg bis unter das grüne Blätterdach. Endlich angekommen, versprühen wildwachsende Kiefern, Tannen und Buchen einen reinigenden Schauer in seinem Körper, der die Kälte der Maschinenwelt augenblicklich in das prickelnde Gefühl von Lebendigkeit verwandelt. Die knisternden Gehölze, lieblich singende Vögel und das unglaublich schöne Blätterrauschen, lassen die Stimme von Mutter Erde in Hells Kopf erwachen. Er weiß, dass dieses konservierte Refugium nicht der wahren, der untergegangenen, der dem Fortschritt zum Opfer gefallenen Vielfalt der Natur entspricht. Dennoch empfindet er nur hier echte Liebe. Nur an diesem Ort spürt er, dass er lebt.
Er kann nicht mehr zurück. Sie werden ihn nicht mehr in das zerstörerische Mahlwerk hineinpressen können. Er hatte diese sonderbaren Gedanken, die Veränderungen an Händen und Füßen bereits seit einigen Wochen bemerkt. Nun vollzog sich die Metamorphose. Er streift seine graue Funktionskleidung ab und läuft in den dichten Wald.

Knochige Wurzeln kriechen auf einer kleinen Lichtung unter den Mutterboden. Gewebe wandelt sich zu Cellulose. Hautporen zerfurchen sich zu weicher Rinde. Am Lichtungsrand bilden wissende Bäume mit ihrem Blätterkleid einen Schutzring. Befreit reckt die junge Eiche feingliedriges Geäst zum Kuppeldach und der Wald wächst weiter…

Zum nächsten Zyklus nimmt Hell278-MCO die Arbeit auf. Die Produktions-Effizienz ist um 0,00003% gesunken.

   

 

© Sven Schmidt 

 

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