Sven Schmidt

 Sven Schmidt, geboren 1977 in Neuwied, seitdem zufriedener Stadtteilbewohner zwischen Wied und Rhein, nach Abitur und Wehrdienst zum Bürostuhlakrobaten mutiert, verheiratet, Vater von zwei Kindern, über das Lesen zum Schreiben gekommen. Begeisterter Besucher der Neuwieder Literaturwerkstatt . Schreibt hauptsächlich Kurzgeschichten, ohne sich auf bestimmte Themengebiete festzulegen. Träumt von Zeit und Geduld irgendwann ein kleines Büchlein mit Leben zu füllen und Gast beim "Literarischen Quartett" zu sein.

 

Keramik von Ute Henne

 


Dieser Text ist zu der Keramik von Ute Henne; Künstlerin vom Kunstkreis 75 Engers entstanden und wurde im September 2018 auf der Ausstellung bei der Stommel-Stiftung in Urbar gelesen.








Der Vorhang

Die Weite des Strandes, das Konzert des Meeres, sollten mir helfen die Inspiration wieder zu finden. Doch ich starrte ins Nirgendwo. Hatte mich in die Einsamkeit geflüchtet. Seit acht Monaten berührte ich keinen Pinsel, war unfähig zu malen. In meinem Kopf verhinderte  eine turmhohe, graue Wand jeden Farbklecks. Verzweiflung und Selbstmitleid klebten an mir wie ein Schatten.
Die Füße im kalten Sand vergraben, bemerkte ich, dass sich etwas veränderte. Das Geschrei der Möwen entfernte sich. Ich hob den Kopf. Jemand kam näher. Hatte mich in meiner Muschel entdeckt. Etwas völlig Unerwartetes geschah. Plötzlich befand ich mich auf der Bühne eines Strandtheaters.

Der gelb und blau strahlende Vorhang lädt mich ein. Reflektiert meine Unsicherheit, doch lässt auch Verheißung schimmern. Ich fasse Mut, streife die Vernunft ab und gehe hindurch.
Gespannte Verwunderung erwacht, kriecht langsam hervor und breitet sich in Wellen aus. Farben aller Spektren umkreisen die Neugier, Augen und Ohren beginnen zu fühlen. Wärme strömt sanft aus Gedanken, wandelt Fremdheit und Scham in Vertrauen und Anziehung.
Ein Wesen aus Licht steht vor mir; wunderschön anzusehen. Ein lebendiges Gemälde, zart gezeichnet das Gesicht, geschaffen aus Wohlbefinden, wird zu Fleisch und Blut. Sie zieht mich an. Ich werde Gefangener der Schwerkraft und  umkreise den Ereignishorizont. Ich zappele, wie ein Fisch an den Angel. Schmerzhafte Ungewissheit und Angst vor Zurückweisung nagen an mir. Dann lässt sie es zu. Ich will sie kennenlernen, berühren. Sie tanzt im Rhythmus der Wellen, nimmt mich mit in das Sonnenlicht, summt die Melodie, die mich einfängt, Witterung aufnehmen und der Duftspur folgend in ihre Arme fallen lässt.
Gefühle, Hände, Gedanken ertasten einander, verlassen ihr Korsett, lösen sich auf und verschmelzen zu Begierde. Salzige Hitze, Sinnlichkeit, sanfte Laute, rauschen im Spiel verglühender Körper ineinander. Der Urquell allen Seins entspringt, versprüht Ekstase. Weiche Haut, windzerzauste Haare, die losgelassene Lust, Finger auf Berg-und Talfahrt, bestimmen den Takt in unserem Farbenspiel. Die Zeit hat ihr Kleid verloren, wird zum Statisten und der Moment umhüllt uns, völlig frei von Grautönen, in eine Decke essentieller Harmonie. Worte sind  überflüssig; der frische Wind beantwortet alle Fragen. Der Blick in die Seele schürft tief, lässt uns ineinander fallen, ohne Angst, für die Ewigkeit konserviert,  in diesem einen magischen Augenblick. Das Vorher findet keine Erinnerung, das Nachher kein Gewissen.

Erschöpft, auf dem Bett aus gelbem Sand, liegen wir nebeneinander und sind wieder zwei, doch zeitlos vereint, im tiefblauen Rauschen des Meeres.
Der Vorhang schimmert von innen durchsichtig  und verschwimmt langsam zu einer Silhouette. Aus Zufall ist Bestimmung geworden.

Die graue Mauer in meinem Kopf stürzte ein. Ich griff zum Pinsel und malte wie nie zuvor. Die Hand folgte dem Gefühl. Ohne Pause. Aus dem weißen Nichts der Leinwand wurde ein Gemälde, ein Gesicht, eine Fotographie meiner Muse. Am Ende wurde es zu meinem Meisterwerk; in Blau und Gelb.

Ich sah sie nie wieder und war mir irgendwann nicht einmal sicher, sie jemals wirklich getroffen zu haben. Doch immer, wenn ich das Bild betrachte, spüre ich den frischen Wind und den Sand zwischen meinen Zehen. Dann kommt es mir vor, als könnte ich erneut durch den Vorhang gehen.



 © Sven Schmidt                                                                            01/2019



 

 

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