Sven Schmidt

 Sven Schmidt, geboren 1977 in Neuwied, seitdem zufriedener Stadtteilbewohner zwischen Wied und Rhein, nach Abitur und Wehrdienst zum Bürostuhlakrobaten mutiert, verheiratet, Vater von zwei Kindern, über das Lesen zum Schreiben gekommen. Begeisterter Besucher der Neuwieder Literaturwerkstatt . Schreibt hauptsächlich Kurzgeschichten, ohne sich auf bestimmte Themengebiete festzulegen. Träumt von Zeit und Geduld irgendwann ein kleines Büchlein mit Leben zu füllen und Gast beim "Literarischen Quartett" zu sein.

 

 

 

Der Ballon

 

Zu meinem Geburtstag öffnete sich die Tür einen Spalt
und er schwebte herein.
Ein Geschenk zu meinen Ehren. Gefüllt mit Helium, so prall und stolz.
Voller Lebenslust. Nur ein Säckchen, beschwert mit Steinen, hielt ihn tanzend an der Schnur. Ein „Happy Birthday“ umrundete die in meinen Augen schmerzende Zahl in seiner Mitte. Drollige Muster aus Gold und Silber verzierten sein Gesicht. Bei den Partygästen war er der meistbeachtete Star des Abends. Wie er so in der Luft baumelte, gegen die Decke strebte, ohne fliehen zu können, machte mich erst heiter, dann irgendwie nachdenklich. Stumm beobachtete er das Geschehen, mal in der Ferne schwebend, mal im Rhythmus der Musik tanzend. Quirlig, neugierig auf jeden Luftzug.
Die Kinder spielten, warfen ihn hoch und kicherten, als er immer wieder ruckartig von seinem Anker zurück gezerrt wurde. Das Treiben der Feier rauschte unbeachtet an mir vorbei.
Die Gäste verabschiedeten sich, meine aufgesetzte Stimmung verebbte, die Gesellschaftsmaske rutschte mir vom Gesicht und es wurde still.
Nur der neue Freund blieb, schwebte neben meinem Stuhl, hörte zu, hielt mir den Spiegel vor, gab jetzt Trost beim schwermütigen Blick in das Glas und ließ die Last der Zahl ein wenig leichter erscheinen. Erinnerte mich an das zwanglose Früher. Half mir müde in den Traum zu sinken.

Ein Raum ohne Wände, ohne Boden und Decke. Ein Raum ohne Grenzen, aber voll von Türen. Kreuz und quer in der Zeit. Viele verschlossen. Bereits schon lange zu .Nicht mehr zu öffnen. Einige stehen noch auf. Insbesondere eine große Tür, fast ein Tor erregt meine Aufmerksamkeit. Sie scheint sich langsam zu schließen. Ich gehe hin und schaue durch den Spalt. Hinter der Tür schwebt mein Abbild durch eine horizontlose Weite. Mein vergangenes Ich, als junger Mann, agil, voller Möglichkeiten. Ich will durch diese Tür gehen. Etwas hält mich fest. Ein Seil zieht an meinen Füßen. Zieht mich weg von der Tür. Zerrt mich nach unten. Dann falle ich …

Das Interesse ließ tageweise nach und das Gas verflüchtigte sich schleichend, bis er völlig achtlos gegen die Schwerkraft kämpfend, einsam in der Ecke des Wintergartens ein vergessenes, trauriges Dasein fristete.
Als ich ihn dann nach einer Woche erblickte, wie er zusammengedrückt, halb sterbend an der Scheibe der Terrassentür klebte und die zerknitterte Zahl mich daran erinnerte, wie er mich durch die nächtliche Geburtstagsmelancholie begleitet hatte , brannte mein schlechtes Gewissen.
Ich ging in die Garage, holte die Heliumgasflasche und reanimierte ihn, so dass er wieder jung und ungeduldig an seiner Schnur zerrte. Ich hatte das Gefühl er war dankbar, zog freundschaftlich an meiner Hand. Zog mich zur Wintergartentür. Strebte einem Ausweg entgegen.
Ich verstand und öffnete.

Ein wolkenfreier Himmel entfaltet sich und bestärkt mich in dem Gefühl, wenigstens einen Gefangenen mit einem Scherenschnitt zu befreien. Sofort hebt er ab, dreht noch eine kleine Halbkurve, scheint dankbar kurz zu hüpfen und gleitet auf dem Luftstrom des frischen Nordwestwindes davon. Ich blicke ihm noch lange nach, fast neidisch, atme für einen Moment völlig leicht, bis der kleine schwarze Punkt in der Weite der erträumten Freiheit verschwindet. Gealtert gehe ich zurück und verriegele zufrieden die Tür.




 © Sven Schmidt                                                                            06/2018

 

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