Sven Schmidt

 Sven Schmidt, geboren 1977 in Neuwied, seitdem zufriedener Stadtteilbewohner zwischen Wied und Rhein, nach Abitur und Wehrdienst zum Bürostuhlakrobaten mutiert, verheiratet, Vater von zwei Kindern, über das Lesen zum Schreiben gekommen. Begeisterter Besucher der Neuwieder Literaturwerkstatt . Schreibt hauptsächlich Kurzgeschichten, ohne sich auf bestimmte Themengebiete festzulegen. Träumt von Zeit und Geduld irgendwann ein kleines Büchlein mit Leben zu füllen und Gast beim "Literarischen Quartett" zu sein.

 

 

 


Die Beförderung

 

Eigentlich wollte ich absagen.
Das jährliche „Teamevent“ stand mal wieder an und es gehörte leider zur Firmenetikette, wohl oder übel, daran teilzunehmen. Diesmal hatte sich Herr Schell in seiner Gutsherrenart dafür entschieden, die gesamte Belegschaft nach Koblenz in das Alte Brauhaus zum „gemütlichen Beisammensein“ zu kommandieren. Den Preis des Nichterscheinens hatten einige Kollegen in den Vorjahren mit einer Menge Zusatzarbeit und plötzlich notwendig gewordenen Überstunden bezahlen müssen.
Also stellte ich mich griesgrämig auf einen ermüdenden Abend ein, dessen Höhepunkt üblicherweise die Heimreise sein würde.
Da aber im nächsten Monat der „alte Fritz“ seinen Abteilungsleiterstuhl räumen musste, war die Zeit, in der sich die aussichtsreichsten Nachfolgekandidaten in Position rückten, bereits angebrochen.
Seit 15 Jahren war ich bei Schell & Partner beschäftigt und leistete stets meinen Beitrag zu der profitablen Firma. Ich versuchte immer meine Meinung  zu vertreten und eckte daher auch manchmal an. Trotzdem rechnete ich mir diesmal gute Chancen für einen Aufstieg aus. Gerade deswegen, sollte es doch zu schaffen sein, den Abend mit einem geschäftigen Lächeln zu ertragen.

Mein Zug verspätete sich leicht, so dass ich erst um fünf nach acht in der Braugasse eintraf und mit Erschrecken feststellen musste, dass die Kollegen bereits vollzählig an der langen, reservierten Tafel saßen. Während mir Müller und Striezke aus der Postabteilung, bereits mit halbleeren Maßkrügen feuchtfröhlich zuprosteten, erkannte ich sofort die Konsequenz meiner unverschuldeten Verspätung. Herr Schell hatte wie erwartet, am Kopfende Platz genommen und der einzige noch freie Stuhl stand zu seiner rechten. Links von ihm saß Hubert Pichler. Ausgerechnet Pichler, der natürlich auch auf den Abteilungsleiterposten schielte.
Was blieb mir anderes übrig, als meine Mundwinkel mühsam nach oben zu schrauben, freundlich ein „Guten Abend“ herauszuquetschen und mich neben den alten Despoten zu setzen.
„Wohl vergessen den Wecker zu stellen, was?“, posaunte Pichler in Megafon-Lautstärke über den Tisch. In mir zog sich alles zusammen. Der Kampf hatte begonnen!

Meine Rechtfertigung mit Verweis auf die Unzuverlässigkeit der Bahn ging nahezu unter, da ein klirrendes Weinglas die Schell´schen Eröffnungsworte ankündigte und den sofortigen Zusammenbruch der Belegschaftskommunikation verursachte. Er bedankte sich mit den üblichen Worten für die geleistete Arbeit, nicht ohne Bereitschaft für noch mehr Leistung einzufordern und wünschte jedem einen gemütlichen Abend auf Firmenkosten. Das letzte Wort sprach er mit einer bedrohlichen Betonung aus.
In der Folge entbrannte zuerst leises, dann wieder wildes Geplapper und die Atmosphäre lockerte sich mit jeder Runde Kaltgetränke merklich auf. Ich bestellte mir ein Weizenbier und einen Brauhaus-Teller mit Fleischkäse und Spätzle. So weit so gut. Während die Stimmung weiter südlich am Tisch mittlerweile recht gelöst, ja fast fröhlich wurde, manifestierte sich an der Nordspitze ein nahezu unerträgliches Schauspiel.
 
Pichler startete einen Geschwätz-Großangriff auf die erhoffte Beförderung.
Er schoss aus allen Rohren, mit seinem ganzen Arsenal arschkriecherischer Peinlichkeit, um sich bei Herrn Schell einzuschmeicheln. Zuerst versuchte ich noch, mich an dem Schleim-Monolog durch gelegentliche, sachkundige Einwürfe zu beteiligen, konnte aber irgendwann nicht mehr über meinen Schatten springen. Pichler schwadronierte über seine tollen Ideen für die Gewinnung von Großkunden, schwafelte über notwendige Einsparungen bei den Personalkosten, erwähnte natürlich seine herausragenden Führungsqualitäten, die er sich durch die jahrelange Vorstandsarbeit im Verein der Moselweißer Taubenzüchter angeeignet hatte und ließ keine Lobpreisung auf die hervorragende Menschenführung und die heute exquisite Garderobe von Herrn Schell aus.

Ein dumpfer Schmerz schoss quer durch meinen Kopf.
Vor mir saß ein verabscheuungswürdiges Etwas, aus dessen nie still stehendem Mund die Wurstsalatsteifen,  wie sich windende Würmer dagegen ankämpften, mit lautem Geschmatze im Schlund der Arschkriecherhölle zu verschwinden. Die abgebissenen Wurst und Zwiebelstücke platschten über den gelben Pullunder in die Essigpfütze auf den Teller, nur um wieder und wieder aufgegabelt zu werden und den aussichtlosen Kampf aufs Neue zu führen. Er redete weiter, kaute, spuckte, tropfte eine schleimige Spur auf die Tischdecke, ohne die vor ihm liegende Serviette auch nur eines Blickes zu würdigen. Vor meinen Augen krochen die Wurstwürmer ihm hilfeschreiend wieder aus Nase und Ohren heraus, wimmelten auf dem Teller, zu Hunderten.
Angewidert schob ich meinen Brauteller mit dem halbgegessenen Fleischkäse und den nun nicht mehr appetitlich aussehenden Nudeln von mir weg. Die Konsistenz des Fleisches und das Bewusstsein, dass es vielleicht von dem Selben Tier stammen könnte, wie das Pichler-Gewürm erzeugte eine brodelnde Abscheu, die mir heiß-kalt die Speiseröhre hinauf kroch.

Ich hielt diese Darbietung verwesender Selbstachtung und ekelhafter Anbiederung nicht mehr aus. Sollte er doch die Beförderung kriegen. Wenn Pichler seine Seele verkaufen und sich so erniedrigen wollte, war das seine Sache. Einfach nur zum Fremdschämen!
Ich stand auf und verließ wortlos den Saal.

Vor einem Glas Wein sitze ich frustriert an der Theke und versuche die blitzenden Geschmeißbilder aus meinem Kopf zu schwemmen, als mir jemand druckvoll auf die Schulter klopft.
„ Haben Sie das heuchlerische Geschwätz von diesem Pichler auch nicht mehr ausgehalten?“
Überrascht blicke ich in das markante Gesicht von Herrn Schell.
 „Da hat ja nur noch gefehlt, dass er mir mit Anlauf in den Allerwertesten gesprungen wäre. So ein Speichellecker ist nicht für höhere Aufgaben zu gebrauchen.“
Herr Schell setzt sich auf den Hocker neben mir und bestellt ebenfalls ein Glas Merlot. Die aufgekratzten Stimmen von Müller und Striezke zu „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ beschallen das ganze Lokal.
Er nippt an seinem Rotwein. „ Ich habe mir in letzter Zeit Ihre Arbeit genauer angesehen. Sie sind zielstrebig, ohne aufdringlich zu sein und vertreten Ihre Meinung kompetent und gradlinig. Ich bin mir sicher, dass Sie ein guter Abteilungsleiter werden.“



 © Sven Schmidt                                                                            10/2018



 

 

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