Michael Eisenkopf


Michael Eisenkopf, 1957 im Herzen des Ruhrgebiets geboren, hat sein Leben zur Hälfte dort und in Lahnstein verbracht.
Schreibt seit fast vier Jahrzehnten Kurzgeschichten, Aphorismen und Gedichte, schwerpunktmäßig zu politischen, zwischenmenschlichen, satirischen und humorvollen Themen, aber auch Science Fiction- und Fantasy-Texte.

Veröffentlichungen in Anthologien, Literaturzeitschriften, Zeitungen und im Radio.







 


Vom Kommen und Gehen der Sehnsucht

In verschämten Gedanken
an frühere Zeiten
mit Verlässlichkeiten, Karl May
und Kohlgeruch in der Wohnküche
Da greift mich manchmal ein Sehnen
nach karierter Schürze und Kindsheimat
mit Fleischwurstscheiben an der Theke
aufgeschlagenen Knien und Freibadsonnenbrand
Es war die Zeit der Autogrammjagden
der Sportplatzsonntage hinter dem Tor
nach der Jugendvorstellung im Kino
und sturmfreier Bude für meine Eltern
Es waren die Tage erhebenden Kniefalls
voll frischem Wind und Aufbruch
und Rotem Punkt, Netzer-Fußball
und mehr gewagter Demokratie
Bis ich sie dann vor mir sehe
die Männer von damals
mit ihren dicken Zigarren beim Kartendreschen
wie sie dreckig lachen
Dann höre ich wieder griechischen Wein
auf schweren Zungen die auch noch
grölen vom Zigeunerjungen und
von Theo und von Lodz
Das mal Litzmannstadt geheißen hat
sagt einer süffisant und schwärmt
von der guten alten Zeit,
aber der richtig guten
Und ich sehe vom Nachbartisch
die Kameraden nicken und alle Augen glänzen
bis auf die traurigen meines Vaters
wenn sie begeistert schwärmen

muss dann auch mal sagt Vater und komm heim
zu mir und klopft auf den Tisch
einer der Kumpels blickt zu ihm hoch und
stößt seinen Nachbarn unterm Tisch mit dem Fuß an
Der schon wieder hör ich ihn flüstern
War sich auch damals zu fein
Er konnte nicht tun was getan werden musste
und Vater zahlt

war doch immer zu weich
und sieht ihm beim Rausgehen nach
dem Verpisser
wie sie ihn nennen wenn er’s nicht hört
Einer wie dieser Frahm
meint der Dritte gedehnt
und voller Abscheu
Auch so ein Verdrückeberger

Musste ja schiefgehen seufzt
dann der Vierte wenn nicht
alle mit hartem Besen und ohne Pardon
diese Memmen
Und alle nicken und alle rauchen
Und trinken noch nen Klaren
Gegen den Brand und auf die gute alte,
die richtig gute Zeit
An uns hat es jedenfalls nicht gelegen
sagt am Ende der Erste
und dann steht er auf
Prost Prost Kameraden
bis Vater den Kopf durch den Rauchfang steckt
komm doch Junge, wir gehen heim
und dann ist sie doch wieder da
die Sehnsucht

© Michael Eisenkopf, März 2017

 

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